Wer Licht dazu bringen will, intensiv mit etwas anderem wechselzuwirken, sperrt es normalerweise ein. In optischen Resonatoren kreist es oft eine Million Mal und hat so viele Gelegenheiten zur Wechselwirkung. In einer Glasfaser dagegen läuft das Licht nur ein einziges Mal durch. Forschende des Max-Planck-Instituts für die Physik des Lichts (MPL) in Erlangen und der Leibniz Universität Hannover (LUH) haben nun genau dort nach eigenen Angaben erstmals eine starke Kopplung zwischen Licht und Schall erreicht: in einer auf 4 Kelvin gekühlten optischen Faser, ohne optischen und ohne mechanischen Resonator. Die Arbeit von Laura Blázquez Martínez, Changlong Zhu und Birgit Stiller ist am 16. Oktober 2026 in Nature Physics erschienen und frei zugänglich.
Brillouin-Streuung: Wenn Licht an Schallwellen streut
Auch Glas schwingt. Schallwellen sind darin winzige, periodische Verdichtungen des Materials. Trifft Licht auf eine solche laufende Welle, kann es daran gestreut werden und dabei Energie mit ihr austauschen. Benannt ist dieser Effekt nach den Physikern Léon Brillouin und Leonid Mandelstam: Brillouin- oder Brillouin-Mandelstam-Streuung. Beim Stokes-Prozess gibt ein Photon Energie ab und erzeugt dabei ein Schallquant (Phonon), das gestreute Licht hat danach eine etwas niedrigere Frequenz. Beim Anti-Stokes-Prozess nimmt das Photon die Energie eines Phonons auf und kommt mit etwas höherer Frequenz heraus.
In einer Glasfaser ist vor allem die Rückwärtsstreuung interessant. Dabei wechselwirkt das Licht mit Schallwellen, deren Wellenlänge etwa halb so groß ist wie die des Lichts im Glas. Bei der Telekom-Wellenlänge von 1550 Nanometern, die das Team nutzte, schwingen diese Schallwellen mit rund 9,6 Gigahertz, also weit oberhalb des Hörbaren. Bei hoher Lichtleistung verstärkt sich der Prozess selbst, man spricht von stimulierter Brillouin-Streuung. Genutzt wird der Effekt bereits für Sensoren, Laser und integrierte Photonik. Ein praktischer Vorteil im Wellenleiter: Zum eingestrahlten Licht passt immer automatisch eine Gruppe von Schallwellen. Das System muss daher nicht wie ein Resonator auf eine bestimmte Frequenz abgestimmt werden.
Was „starke Kopplung“ bedeutet
Man kann sich Licht und Schall wie zwei Pendel vorstellen, die über eine Feder verbunden sind. Ist die Feder schwach, schwingt jedes Pendel weitgehend für sich und verliert seine Energie durch Reibung, bevor es viel an das andere weitergeben kann. Ist sie stark, pendelt die Energie zwischen beiden hin und her, schneller als sie verloren geht. Genau das ist der Bereich starker Kopplung: Lichtfeld und Schallwelle tauschen Energie kohärent aus, bevor Verluste und Dekohärenz die Information zerstören. Für die Quanteninformationsverarbeitung ist das eine Grundvoraussetzung.
Messbar wird das an einer Aufspaltung. Im schwach gekoppelten Fall zeigt das Spektrum eine einzelne Resonanz. Werden die beiden Systeme stark gekoppelt, bilden sie gemeinsame Hybridzustände, und die Resonanz teilt sich in zwei Spitzen mit einer Lücke dazwischen. Verstimmt man das System, nähern sich die beiden Äste an, kreuzen sich aber nicht. Fachleute sprechen von einer vermiedenen Kreuzung. In Resonatoren ist das ein Standardnachweis. In einem durchlaufenden Wellenleiter ließ sich eine solche Verstimmung bisher nicht ohne Weiteres messen.
Der Versuch: kalte Faser, starker Pumplaser
Als Probe diente eine hochnichtlineare Faser. Sie ist ähnlich aufgebaut wie eine gewöhnliche Singlemode-Faser, hat aber einen stärker mit Germanium dotierten Kern und lässt sich verlustarm an Standardfasern anspleißen. Die Forschenden kühlten sie in einem Kryostaten auf 4 Kelvin. Das hilft doppelt: Laut der Veröffentlichung steigt der Brillouin-Gewinn der Faser dabei etwa um das Vierfache, während die Dämpfungsrate der Schallwellen von gut 46 auf knapp 10 Megahertz sinkt. Ein Laser bei 1550 Nanometern, verstärkt mit einem Erbium-dotierten Faserverstärker auf bis zu knapp zwei Watt, pumpte die Wechselwirkung. Ein schwaches, vom selben Laser abgezweigtes Testsignal tastete sie ab.

Bild: Symbolbild – Labormessplatz mit Kryostat für einen tiefgekühlten Photonendetektor, nicht der Aufbau aus Erlangen. Foto: Giorgio Brida, Lizenz CC BY 2.0, via Wikimedia Commons
Bei geringer Pumpleistung zeigte sich eine einzelne Anti-Stokes-Resonanz bei etwa 9,6 Gigahertz. Mit wachsender Leistung spaltete sie sich auf, bei der höchsten Kopplung um 26,7 Megahertz. Als Schwelle für die starke Kopplung nennen die Autoren eine Kopplungsrate von 11 Megahertz, den Mittelwert der optischen und akustischen Verlustraten; erreicht haben sie bis zu 76 Megahertz. Zusätzlich entwickelte das Team eine Messmethode mit erzwungener Verstimmung, mit der sich die vermiedene Kreuzung auch im Wellenleiter beobachten lässt. „Wir haben eine neue Messtechnik eingeführt, die es ermöglicht, das deutlichste Anzeichen einer starken Kopplung zu beobachten: ebendiese Lücke in der spektralen Antwort, die sonst nur in Resonatoren sichtbar wird“, sagt Erstautorin Blázquez Martínez. Ein theoretisches Modell der Gruppe gibt die Messungen gut wieder.
Mögliche Anwendungen – und was noch fehlt
Stiller, die die Forschungsgruppe Quantenoptoakustik am MPL leitet und Professorin an der LUH ist, nennt das Ergebnis einen entscheidenden Schritt hin zur Nutzung von Glasfasern als Plattform für Quantenwechselwirkungen. Denkbar sind laut den Forschenden Quantenspeicher und Quantenrepeater direkt in der Leitung. Weil Schall sich viel langsamer ausbreitet als Licht, könnten akustische Wellen Informationen zwischenspeichern. Mechanische Schwingungen eignen sich zudem grundsätzlich, um zwischen optischen Frequenzen und Mikrowellen zu übersetzen, was etwa nötig wäre, um bei Gigahertz-Frequenzen arbeitende Quantencomputer über optische Leitungen zu verbinden. Da die Faser ohne feste Resonanzen breitbandig arbeitet, ließen sich nach Ansicht der Autoren auch viele Linien eines Frequenzkamms parallel verarbeiten. Für die Grundlagenforschung ist zudem interessant, dass eine Glasfaser weit massereicher ist als die winzigen Resonatoren, an denen solche Effekte sonst untersucht werden.
Bis dahin ist es allerdings ein weiter Weg. Gemessen wurde bislang die spektrale Signatur im Dauerbetrieb. Um zeitliche Abläufe wie das Hin- und Herpendeln der Energie direkt zu sehen, wären laut den Autoren gepulste Experimente nötig. Vor allem ist der quantenkohärente Bereich noch nicht erreicht: Bei 4 Kelvin und 9,6 Gigahertz sind im Mittel noch rund zehn thermische Phononen vorhanden. Die Autoren schätzen, dass eine Pumpleistung von etwa fünf Watt nötig wäre, um ihn über die gesamte Bandbreite zu erreichen, wobei die Erschöpfung des Pumplichts zum Hindernis werden könnte. Abhilfe versprechen sie sich von Proben mit geringeren Verlusten oder von Fasern mit höherem Brillouin-Gewinn, etwa aus Chalkogenidglas. Immerhin sollten dafür nach Einschätzung der Autoren wenige Kelvin genügen, extrem tiefe Temperaturen brauche das System nicht. Vorgearbeitet hat die Gruppe bereits: 2024 berichtete sie in Physical Review Letters, dass sich laufende Schallwellen in einer Faser mit Licht um 219 Kelvin unter Raumtemperatur kühlen lassen.
Quellen
- Nature Physics: Blázquez Martínez, Zhu, Stiller – Cavity-less Brillouin strong coupling in a solid-state continuous system (16.10.2026)
- Leibniz Universität Hannover, Institut für Photonik: Autobahn statt Kreisverkehr: Starke Kopplung von Licht und Schall in einer optischen Faser (16.10.2026)
- arXiv: Cavity-less Brillouin strong coupling in a solid-state continuous system (Preprint) (Juli 2025)
- MPL, Stiller Research Group: New paper on the arxiv: Cavity-less Brillouin strong coupling (11.07.2025)
- arXiv/Physical Review Letters 132, 023603: Optoacoustic cooling of traveling hypersound waves (2024)
- Wikipedia: Brillouin-Streuung (Version vom 02.03.2026)
Bildnachweis
- Aufmacher (Symbolbild): Propagation of light through the core of an optical fiber. Macro visualization. von AZToshkov, Lizenz CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons
- Im Text (Symbolbild): Cryogenic Photon Number Resolving Detector von Giorgio Brida, Lizenz CC BY 2.0, via Wikimedia Commons