Ein Jahr lang haben die beiden Raumsonden der NASA-Mission ESCAPADE gewartet. Nach ihrem Start im November 2025 zogen die baugleichen Orbiter, die das Team „Blue“ und „Gold“ getauft hat, eine weite, nierenförmige Schleife um den Lagrange-Punkt L2 auf der sonnenabgewandten Seite der Erde. Am Samstag, dem 7. November, und am Montag, dem 9. November, sollen sie zurückkehren, dicht an der Erde vorbeifliegen und dabei ihre Triebwerke zünden – und anschließend Kurs auf den Mars nehmen. ESCAPADE steht für „Escape and Plasma Acceleration and Dynamics Explorers“. Die Mission soll klären, wie der Sonnenwind die Atmosphäre des Roten Planeten abträgt.
Die NASA spricht von einem Manöver, das noch keine Raumsonde der Behörde geflogen ist. Andere Missionen hätten zwar Vorbeiflüge an der Erde genutzt, um ihr Ziel im Sonnensystem zu erreichen. Einen solchen „angetriebenen“ Vorbeiflug – auch Oberth-Manöver genannt – habe aber noch keine Marssonde erfolgreich absolviert.
Der Plan: neun Minuten Triebwerk am erdnächsten Punkt
Nach dem Zeitplan, den die NASA am 2. November veröffentlicht hat, erreicht die erste Sonde ihren erdnächsten Punkt am 7. November gegen 5 Uhr US-Ostküstenzeit, also gegen 11 Uhr mitteleuropäischer Zeit. Die Triebwerkszündung soll um 10:51 Uhr MEZ beginnen und rund neun Minuten dauern. Die zweite Sonde folgt am 9. November: Zündung ab 11:51 Uhr MEZ, größte Annäherung gegen 12 Uhr. Laut dem Fachmagazin Eos der American Geophysical Union ist Blue zuerst an der Reihe, Gold zwei Tage später. Die NASA selbst spricht nur von der ersten und der zweiten Sonde.
Beim Vorbeiflug beschleunigt die Schwerkraft der Erde jede Sonde und lenkt sie in Richtung Mars um. Die Zündung am tiefsten Punkt der Bahn, im Fachjargon „Trans-Mars Injection“, soll zusätzlichen Schub liefern: Die Geschwindigkeit steigt dabei nach NASA-Angaben von etwa 6,3 auf etwa 6,7 Meilen pro Sekunde, also von rund 10,1 auf rund 10,8 Kilometer pro Sekunde. Dass die Zündung gerade dort stattfindet, wo die Sonden am schnellsten sind, ist Absicht. Die Mission nutzt den Oberth-Effekt, nach dem ein Raketentriebwerk bei hoher Geschwindigkeit wirkungsvoller arbeitet.
Am erdnächsten Punkt fliegen die etwa kühlschrankgroßen Sonden zwischen rund 970 und 1770 Kilometer über der Oberfläche, also höher als die meisten Erdsatelliten. Die Zündungen finden über dem Süden Australiens statt, wo die Sonden laut NASA mit Teleskopen zu sehen sein sollten.
Ob die neuen Bahnen stimmen, weiß das Team erst einige Tage nach den Manövern. Für den rund zehnmonatigen Flug zum Mars sind mehrere Kurskorrekturen eingeplant. Ankommen sollen die Sonden am 7. und am 9. September 2027.
Warum ESCAPADE den Umweg über L2 nimmt
Marsmissionen starten normalerweise, wenn Erde und Mars günstig zueinander stehen. Das ist nur etwa alle 26 Monate der Fall und ermöglicht den kürzesten und sparsamsten Flug. ESCAPADE hob dagegen am 13. November 2025 um 21:55 Uhr MEZ mit dem zweiten Flug der New-Glenn-Rakete von Blue Origin in Cape Canaveral ab – zu einem Zeitpunkt, als Erde und Mars auf gegenüberliegenden Seiten der Sonne standen. Statt direkt zum Mars zu fliegen, parkten die Sonden in einer Warteschleife um L2, rund 1,5 Millionen Kilometer von der Erde entfernt, bis die Planeten wieder passend zueinander stehen. Das ist jetzt der Fall.
Hinter dem Umweg steht eine lange Vorgeschichte. Ursprünglich sollten die Sonden 2022 zusammen mit der Asteroidenmission Psyche starten und direkt zum Mars fliegen. Als Psyche auf eine andere Trägerrakete wechselte, war dieser Plan hinfällig. Im Februar 2023 erhielt Blue Origin den Startauftrag, vorgesehen war zunächst der Erstflug von New Glenn. Im September 2024 entschied die NASA, die bereits in Florida angelieferten Sonden nicht zu betanken, und verschob den Start. Auch der Termin im November 2025 rutschte noch zweimal, erst wegen des Wetters, dann wegen eines starken Sonnensturms.
Aus der Not ist ein Konzept geworden: Die UC Berkeley, die die Mission leitet, nennt es ausdrücklich als Ziel, mit ESCAPADE eine neue Flugbahn zum Mars für künftige bemannte Missionen zu erproben. Der Vorteil liegt auf der Hand – die Sonden konnten starten, obwohl gerade kein Startfenster zum Mars offen war.
Ganz reibungslos verlief die Wartezeit nicht: Bei Kurskorrekturen am 8. und 12. Dezember 2025 lieferte eine der Sonden zu wenig Schub. Sie holte das Manöver am 6. Januar 2026 nach, langfristige Folgen für den Flugplan sah die NASA nicht.
Bonus-Messungen im Magnetschweif der Erde
Wissenschaftlich hat sich die Schleife bereits gelohnt. Auf ihr durchquerten die Sonden einen entfernten Bereich des Magnetschweifs der Erde – jenes Teils der Magnetosphäre, den der Sonnenwind weit auf die Nachtseite hinauszieht. Diesen Bereich hatte laut NASA noch keine Sonde direkt untersucht. Robert Lillis, wissenschaftlicher Leiter der Mission an der UC Berkeley, sagte Eos, ESCAPADE sei rund zwei Millionen Kilometer weit in den Schweif vorgedrungen, mehrere Hunderttausend Kilometer weiter als jede frühere Mission. Die Daten helfen demnach, Größe und Verdrehung des Schweifs einzugrenzen und zu verstehen, wie er schrumpft, wenn der Druck des Sonnenwinds steigt. Die Ergebnisse will das Team später veröffentlichen.
Im Sommer testete eine der Sonden zudem ihre Kameras: Am 3. Juli 2026 fotografierte sie aus rund 585.000 Kilometern Entfernung Erde und Mond, im sichtbaren Licht und im thermischen Infrarot. Die Kameras stammen von der Northern Arizona University und sollen am Mars unter anderem nach sichtbaren Polarlichtern suchen. Erde und Mond dienten als bekannte Ziele zur Kalibrierung.

Bild: Erde (links) und Mond als schmale Sicheln, aufgenommen am 3. Juli 2026 von einer ESCAPADE-Sonde im sichtbaren Licht. NASA/UCB-SSL/NAU-Radiant/Lucint, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Was die Sonden am Mars untersuchen sollen
Am Mars soll ESCAPADE die erste Mission werden, bei der mehrere Raumsonden in Formation um den Planeten kreisen. Nach dem Einschwenken in eine große Einfangbahn senkt das Team die Umlaufbahnen schrittweise ab und stimmt sie aufeinander ab. Bis Mitte 2028 sollen beide Sonden auf ihren Messbahnen sein, die eigentliche Forschungsphase ist auf elf Monate angelegt.
In der ersten, sechsmonatigen Kampagne fliegen Blue und Gold auf derselben Bahn hintereinander her, wie Perlen an einer Schnur, mit zeitlichen Abständen von bis zu 30 Minuten. So messen sie denselben Ort kurz nacheinander und erfassen schnelle Veränderungen im Plasma und in den Magnetfeldern. In der zweiten Kampagne wechseln sie auf unterschiedliche Bahnen: Eine Sonde misst dann den Sonnenwind, der auf den Mars zuströmt, die andere zeitgleich dessen Wirkung in der Magnetosphäre des Planeten. Projektwissenschaftlerin Shannon Curry von der University of Colorado Boulder sagte Eos, damit lasse sich diese Reaktion erstmals in Echtzeit beobachten.
Dahinter steht eine Grundfrage der Planetenforschung. Der Mars war einst wärmer und feuchter, verlor aber vor Milliarden Jahren den größten Teil seiner Atmosphäre und seines Oberflächenwassers, nachdem sein globales Magnetfeld erloschen war. Jede Sonde trägt dafür ein Magnetometer vom Goddard Space Flight Center der NASA, elektrostatische Analysatoren für Ionen und Elektronen von der UC Berkeley, eine Langmuir-Sonde der Embry-Riddle Aeronautical University und die Kameras der Northern Arizona University.
Kleine Mission mit ungewöhnlichem Konzept
ESCAPADE gehört zum NASA-Programm SIMPLEx für kleine, kostengünstige Planetenmissionen und wird aus dem Heliophysik-Etat der Behörde finanziert. Geleitet wird die Mission vom Space Sciences Laboratory der UC Berkeley. Die Sonden hat Rocket Lab entworfen und gebaut. Jede Sonde wiegt leer 209 Kilogramm und betankt 535 Kilogramm. Die Kosten beziffert die UC Berkeley auf unter 80 Millionen US-Dollar – ein Bruchteil dessen, was die NASA-Marssonde MAVEN gekostet hat, auf deren Ergebnissen ESCAPADE aufbaut.
Gelingen die beiden Zündungen, hätte die Mission gezeigt, dass sich über eine Warteschleife nahe der Erde auch außerhalb der üblichen Startfenster zum Mars aufbrechen lässt.
Quellen
- NASA Science: NASA’s Twin ESCAPADE Spacecraft to Slingshot Past Earth on Way to Mars (02.11.2026)
- NASA Scientific Visualization Studio: Star Charts for ESCAPADE’s Earth Flyby (02.11.2026)
- Eos (AGU): Twin Spacecraft Ready to Head for a Martian Escapade (27.10.2026)
- NASA Science: ESCAPADE – Missionsseite
- NASA Science: Liftoff! NASA’s ESCAPADE Begins Journey to Mars (13.11.2025)
- NASA Science: NASA’s Twin ESCAPADE Spacecraft Have Deployed (13.11.2025)
- NASA Science: NASA’s ESCAPADE Trajectory Correction Maneuver Delayed (15.12.2025)
- NASA Science: NASA’s Second ESCAPADE Spacecraft Completes Trajectory Maneuver (07.01.2026)
- NASA Science: NASA’s ESCAPADE Snaps Family Portrait of Earth, Moon (24.07.2026)
- UC Berkeley Space Sciences Laboratory: ESCAPADE – Projektseite
- UC Berkeley Space Sciences Laboratory: ESCAPADE Mission Design
- UC Berkeley Space Sciences Laboratory: ESCAPADE Timeline & News
Bildnachweis
- Aufmacher: ESCAPADE Unboxed at Astrotech (KSC-20240822-PH-KLS01 0013) von NASA/Kim Shiflett (NASA Kennedy Space Center), gemeinfrei (Public Domain, Werk der US-Regierung), via Wikimedia Commons
- Im Text: NASA’s ESCAPADE Snaps Family Portrait of Earth, Moon (ESCAPADE Photo of Earth Moon 1) von NASA/UCB-SSL/NAU-Radiant/Lucint, gemeinfrei (Public Domain, Werk der US-Regierung), via Wikimedia Commons