Für eines der produktivsten Weltraumobservatorien der NASA ist die Reise zu Ende. Das Neil Gehrels Swift Observatory ist am Mittwoch, 4. November 2026, in die Erdatmosphäre eingetreten. Nach Angaben der U.S. Space Force geschah das um 7:39 Uhr US-Ostküstenzeit, also um 13:39 Uhr deutscher Zeit, über der Region Nord-Sumatra in Indonesien. Swift war im November 2004 gestartet und sollte ursprünglich zwei Jahre lang Gammablitze erforschen. Am Ende wurden daraus fast 22 Jahre – und eine Rettungsmission, die nie bis zum Satelliten kam.

Wiedereintritt über Nord-Sumatra bestätigt

Die NASA hat ihren Blogeintrag zum Wiedereintritt am Mittwoch aktualisiert und die Daten der Space Force übernommen: Swift trat bei etwa 3,4 Grad nördlicher Breite und 98,6 Grad östlicher Länge in die Atmosphäre ein. Die NASA erwartete, dass der größte Teil des Satelliten dabei verglüht, schloss aber nicht aus, dass einzelne Bauteile den Eintritt überstanden haben. Wie viel tatsächlich verbrannte, hatte die NASA laut der Nachrichtenagentur AP zunächst nicht bestätigt.

Gesteuert war der Absturz nicht. Swift hatte keinen eigenen Antrieb, mit dem sich Zeitpunkt und Ort hätten wählen lassen. Am Montag hatte die Space Force den Eintritt für 9:30 Uhr UTC vorhergesagt, mit einer Unsicherheit von elf Stunden – tatsächlich kam er gut drei Stunden später. Weil die Bahn des rund 1,5 Tonnen schweren Satelliten nur wenig gegen den Äquator geneigt war, konnten Trümmer laut NASA nur zwischen 20,6 Grad südlicher und 20,6 Grad nördlicher Breite niedergehen. Das Risiko, dass dabei ein Mensch zu Schaden kommt, bezifferte die Behörde vorab auf etwa 1 zu 2100.

Warum Swift immer schneller sank

Jeder Satellit in einer niedrigen Erdumlaufbahn wird von den dünnen Ausläufern der Atmosphäre abgebremst. Bei Swift verstärkte die hohe Sonnenaktivität der vergangenen Jahre diesen Effekt deutlich: Sie lässt die obere Atmosphäre anschwellen, der Luftwiderstand steigt. Der aktuelle Sonnenzyklus 25 hatte laut Sky & Telescope 2025 seinen Höhepunkt. Swift verlor deshalb schneller an Höhe, als die NASA ursprünglich erwartet hatte.

Im September 2025 beauftragte die NASA das Unternehmen Katalyst Space aus Flagstaff (Arizona), Swift mit einem robotischen Servicefahrzeug anzuheben. Katalyst hatte weniger als ein Jahr Zeit, das Fahrzeug zu entwickeln, zu testen und zu starten. Damit Swift so lange durchhält, stellte das Team in Goddard und an der Penn State University den Betrieb um: Ab Dezember 2025 wählte es zunehmend Beobachtungsziele, bei denen der Satellit möglichst wenig Angriffsfläche bot. Im Februar 2026 wurden Röntgen- und UV/Optik-Teleskop abgeschaltet, im April auch der Gammastrahlen-Detektor, damit sich die Solarpaneele widerstandsarm ausrichten ließen.

Das Katalyst-Fahrzeug LINK startete im Juli 2026 auf einer Pegasus-XL-Rakete, bekam aber kurz darauf Probleme mit der Lageregelung. Am 19. August gaben NASA und Katalyst bekannt, dass LINK Swift weder greifen noch anheben wird. Als Technikdemonstration näherte sich LINK dem Observatorium noch bis auf 12 bis 15 Kilometer. Nach Angaben von Sky & Telescope ist LINK selbst am 25. September in die Atmosphäre eingetreten.

Swift nahm danach die Messungen wieder auf: Ende August liefen Röntgen- und UV/Optik-Teleskop, Mitte September auch wieder der Gammastrahlen-Detektor. Das erhöhte allerdings erneut den Luftwiderstand. Am 20. Oktober war Swift auf etwa 275 Kilometer gesunken, konnte den Widerstand nicht mehr ausgleichen und ging in den Sicherheitsmodus. Das Betriebsteam an der Penn State schickte daraufhin das Kommando, das die Mission praktisch beendete. Die letzte Beobachtung stammt vom selben Tag.

Was Swift in fast 22 Jahren geleistet hat

Swift war darauf gebaut, Gammablitze nicht nur zu entdecken, sondern sofort genauer anzusehen. Diese Ausbrüche gelten als die energiereichsten Explosionen im Kosmos, ihr Nachglühen verblasst aber schnell. Das Burst Alert Telescope überblickte jeweils rund 16 Prozent des Himmels. Meldete es einen Ausbruch, schwenkte Swift selbstständig, damit Röntgen- und UV/Optik-Teleskop die Position untersuchen konnten, und schickte zugleich Alarme an andere Observatorien. Laut Principal Investigator Brad Cenko dauerte das typischerweise etwa eine Minute.

Ein frühes Ergebnis war GRB 050509B im Mai 2005: Der Blitz dauerte nur 0,03 Sekunden, trotzdem fing Swift elf Röntgenphotonen seines Nachglühens ein. Damit war erstmals bei einem kurzen Gammablitz ein Nachglühen nachgewiesen. Die Beobachtungen stützten das theoretische Modell, wonach kurze Gammablitze wahrscheinlich bei der Verschmelzung zweier Neutronensterne entstehen. Im Oktober 2022 beobachtete Swift zusammen mit dem Gammastrahlenteleskop Fermi und weiteren Instrumenten GRB 221009A, einen der leuchtstärksten bekannten Gammablitze. Das Röntgenteleskop erfasste das Nachglühen etwa eine Stunde nach der ersten Meldung.

Röntgenaufnahme des Gammablitzes GRB 221009A: heller Punkt in der Mitte, umgeben von konzentrischen Ringen aus gestreutem Röntgenlicht

Bild: Das Röntgenteleskop von Swift nahm das Nachglühen von GRB 221009A etwa eine Stunde nach der Entdeckung auf. Die Ringe entstehen, weil Staubschichten in der Milchstraße Röntgenlicht streuen. NASA/Swift (NASA's Scientific Visualization Studio), gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Die NASA zieht nach knapp 22 Jahren diese Bilanz: mehr als 2000 beobachtete Gammablitze, über 1400 untersuchte Supernova-Explosionen, Sterne, die von Schwarzen Löchern zerrissen wurden, aktive Galaxien, eine Durchmusterung des gesamten Himmels im Röntgenlicht sowie Kometen und Asteroiden. Bis zu 75 Ziele am Tag konnte das Planungssystem einplanen. Swift-Daten flossen in rund 7000 Fachveröffentlichungen ein. Das öffentliche Archiv umfasst etwa 12 Terabyte, darunter mehr als 1,5 Millionen Aufnahmen des UV/Optik-Teleskops. Seit 2018 trägt das Observatorium den Namen seines ersten Principal Investigators Neil Gehrels, der zuvor gestorben war.

Eine Lücke, die vorerst bleibt

Einen direkten Nachfolger gibt es nicht. Shawn Domagal-Goldman, Direktor der Astrophysik-Abteilung der NASA, kündigte an, schnelle Reaktionen auf kosmische Ereignisse künftig mit der vorhandenen Teleskopflotte, kommerziellen Angeboten und neuen, effizienten Missionen abdecken zu wollen. Wie das konkret aussehen soll, ist offen.

Teile der Arbeit übernehmen bereits andere Satelliten. NASAs Fermi registriert nach Angaben des italienischen Astrophysikers Giancarlo Ghirlanda (INAF) drei bis vier Gammablitze pro Woche, kann sie aber nicht genau genug orten, um große Teleskope am Boden gezielt nachzuführen. Die chinesisch geführte Mission Einstein Probe, seit Januar 2024 im All, überwacht etwa ein Zwölftel des Himmels und findet und ortet im Schnitt einen Gammablitz pro Woche. Die chinesisch-französische Mission SVOM ist seit Juni 2024 im Orbit und deckt mit ihren Instrumenten den Bereich von Gammastrahlung bis zum sichtbaren Licht ab. Für Beobachtungen im Ultraviolett bleibt laut Sky & Telescope vorerst nur Hubble.

Vor einem ähnlichen Problem steht Hubble. Auch dieses Teleskop hat keinen eigenen Antrieb und sinkt langsam; die NASA rechnet mit einem Wiedereintritt 2033 oder 2034. Am 29. Oktober hat sie die Industrie deshalb um Vorschläge gebeten, wie sich Hubble anheben, aufrüsten oder am Ende kontrolliert in die Atmosphäre lenken ließe. Ein solcher Einsatz müsste bis 2032 stattfinden. NASA-Wissenschaftschefin Nicky Fox betonte laut AP, dass für Hubble mehr Zeit bleibe, als es bei Swift der Fall war.

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