SonicWall hat am 3. November 2026 zwei Sicherheitslücken in seinem Global Management System (GMS) offengelegt, für die es keine Fixes mehr geben wird. Betroffen ist die zentrale Management-Plattform bis einschließlich Version 9.5.2 auf Windows und als virtuelle Appliance. Da GMS seit 30. September 2026 End of Life ist, verweist der Hersteller ausschließlich auf den Nachfolger Network Security Manager (NSM). Besonders unangenehm ist CVE-2026-109593: eine unauthentifizierte Lücke mit CVSS 9,1, über die Angreifer interne Dateien des Management-Servers auslesen können.
Dieser Artikel ist ein Follow-up zum SSL-VPN-SAML-Bypass in SonicOS vom selben Herstellerkreis. Beide Lücken zusammen zeigen, wie ein nicht gepflegtes Management-System die Absicherung der Firewalls darunter aushebelt.
Die beiden Lücken im Überblick
CVE-2026-109593 („Unauthenticated File Read“, CVSS 9,1) erlaubt einem Angreifer mit Netzwerkzugriff auf die GMS-Oberfläche, interne Dateien des Servers zu lesen – ohne gültige Anmeldedaten. Welche genau, nennt SonicWall nicht; typisch für diese Klasse von Schwachstellen sind Konfigurationsdateien, Datenbank-Dumps, Zertifikate und Logs. Im schlimmsten Fall landen Zugangsdaten und Verbindungs-Secrets zu den verwalteten Firewalls in fremden Händen.
CVE-2026-109594 („Post-Authentication SQL-Injection“, CVSS 6,8) setzt einen angemeldeten Angreifer mit hohen Rechten voraus. Gelingt die Ausnutzung, lassen sich Datenbankinhalte lesen oder verändern. Alleine ist die Lücke eher ein Nachgang – in Kombination mit CVE-2026-109593 aber ein möglicher zweiter Schritt, falls Credentials ausgelesen werden konnten.

Bild: Symbolbild. Netzwerk-Switches in einem Serverschrank. Foto: ShakataGaNai, Lizenz CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.
End of Life heißt in diesem Fall: keine Updates
SonicWall hat GMS bereits am 5. Mai 2025 für End of Life angekündigt. Version 9.5.2 war das letzte reguläre Release, der reguläre Support endete am 30. September 2026. Im Advisory SNWLID-2026-0019 hält der Hersteller unmissverständlich fest, dass für die beiden Lücken „keine Patches oder Security-Updates mehr veröffentlicht werden“. Entdeckt haben die Schwachstellen laut BleepingComputer-Recherche Sicherheitsforscher von Pentest-Tools.
Einen Ausnutzungsnachweis in freier Wildbahn gibt es Stand jetzt nicht, und auch keinen öffentlich kursierenden Exploit-Code. Das kann sich kurzfristig ändern – gerade bei EOL-Produkten liefern Reverse-Engineering-Blogs erfahrungsgemäß nach, weil die Hürde für den Hersteller wegfällt, der sonst mit einem schnellen Patch kontern würde.
Warum das Problem groß ist
Management-Systeme wie GMS sind klassische „Kronjuwelen“ in einem Netzwerk: Sie verwalten typischerweise Dutzende bis Hunderte Firewalls, speichern deren Konfigurationen samt Credentials, VPN-PSKs, LDAP-Bindungen und Admin-Passwörtern. Wer in einem GMS-Server Dateien auslesen kann, bekommt im Zweifel einen Schlüsselbund für die gesamte Netzwerkperipherie geliefert – in Kombination mit der aktuellen SSL-VPN-Lücke CVE-2026-19868 ergibt das ein unschönes Bild: zuerst GMS kompromittieren, Credentials abgreifen, dann die geschwächte MFA auf den verwalteten Firewalls umgehen.
SonicWall empfiehlt die Migration auf den Nachfolger NSM. Der steht wahlweise als SaaS und als On-Premises-Installation bereit und übernimmt mit einem „GMS Transition Snapshot“-Werkzeug die bestehenden Firewall-Daten. Realistisch braucht ein solcher Umzug Wochen bis Monate – Zeit, die man ohne weitere Härtung nicht ohne Weiteres ungeschützt verbringen sollte.
Was du jetzt tun solltest
Wenn du GMS bis Version 9.5.2 noch im Einsatz hast, geh so vor:
- Erreichbarkeit einschränken. Die GMS-Konsole gehört nicht ins Internet. Sperre sie an der Firewall auf eine kleine Liste interner Management-IPs, idealerweise in ein eigenes Admin-VLAN. Direkter HTTPS-Zugriff aus dem Mitarbeiternetz? Abschalten.
- Admin-Konten ausmisten. CVE-2026-109594 setzt einen Account mit hohen Rechten voraus. Reduziere die Zahl der Super-Admins, rotiere deren Passwörter und erzwinge dort – soweit mit GMS noch möglich – Zwei-Faktor-Anmeldung.
- Zugangsdaten wie kompromittiert behandeln. Verhalte dich so, als könnte CVE-2026-109593 schon ausgenutzt worden sein: Rotiere Admin-Passwörter auf den verwalteten Firewalls, erneuere VPN-Pre-Shared-Keys und RADIUS-Shared-Secrets, prüfe Zertifikate.
- Migration zu NSM starten. Lade bei MySonicWall das „GMS Transition“-Paket und plane den Umzug. SonicWall liefert dafür eine Checkliste und das Snapshot-Tool, mit dem sich Firewalls und Templates auf NSM übernehmen lassen.
- Logs auf Auffälligkeiten prüfen. Sichte Webserver-Logs der GMS-Appliance der letzten 90 Tage. Unauthentifizierte Requests auf Pfade, die normalerweise angemeldete Nutzer liefern, sind ein Warnsignal.
Keine Workarounds, keine Kompromisse
SonicWall nennt im Advisory keine Workarounds – auch nicht als Interimslösung. Das ist bei EOL-Produkten üblich, hilft aber niemandem, der GMS aus Lizenz- oder Projekt-Gründen noch bis Jahresende betreiben muss. In so einem Fall gilt: Netzwerk-Isolation ersetzt den fehlenden Patch nicht vollständig, reduziert aber die Angriffsfläche drastisch. Wer die Migration schon abgeschlossen oder nie begonnen hat, sollte GMS-Reste ersatzlos abschalten – auch leerlaufende Appliances mit offener Web-Oberfläche sind ein Risiko.
Lehre für andere EOL-Produkte
Der Fall GMS steht sinnbildlich für ein strukturelles Problem: Management- und Überwachungswerkzeuge sind in vielen Infrastrukturen jahrelang mitgelaufen, obwohl der Hersteller längst einen Nachfolger im Angebot hat. Solange keine CVE auftaucht, fällt das kaum auf – und wenn sie auftaucht, ist es für einen koordinierten Fix zu spät. Ein gelegentlicher Blick auf die eigene Appliance-Flotte lohnt sich: Welche Produkte sind nach Herstellerliste EOL, welche nähern sich der Schwelle, und welche davon sind aus dem internen oder gar externen Netz erreichbar? GMS reiht sich damit in eine Linie mit Produkten wie älteren Fortinet-Management-Appliances oder Sophos-UTM-Consoles – alles Zentralen, die gern vergessen werden, weil sie „nur“ daneben stehen.
Quellen
- BleepingComputer: SonicWall warns of unpatched flaws in end-of-life GMS software (4. 11. 2026)
- SOCRadar: SonicWall GMS Flaws Unpatched After End of Life (4. 11. 2026)
- Security Online: Critical Unpatched SonicWall GMS Vulnerabilities Disclosed (4. 11. 2026)
- IT-Connect: SonicWall GMS – Two flaws, including a critical one, will never be fixed (4. 11. 2026)
Bildnachweis
- Aufmacher (Symbolbild): Ethernet-Switch von Raysonho @ Open Grid Scheduler / Grid Engine, Lizenz CC0, via Wikimedia Commons
- Inline (Symbolbild): Network switches von ShakataGaNai, Lizenz CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons