Wie groß Europas Rückstand bei der KI-Rechenleistung ist, hat die Forschungsgruppe Epoch AI Ende Oktober anhand von Zolldaten abgeschätzt: Von der KI-Rechenleistung, die zwischen 2022 und Mitte 2026 weltweit ausgeliefert wurde – umgerechnet 27,4 Millionen Nvidia-H100-Äquivalente –, gingen demnach 72 Prozent in die USA, rund 10 Prozent nach China (inklusive heimischer Chipproduktion) und nur 5 Prozent in die EU. Der US-Anteil an neu hinzukommender Rechenleistung stieg laut Epoch zuletzt sogar weiter, von 72 Prozent im Jahr 2025 auf 78 Prozent im ersten Halbjahr 2026. Die Daten erfassen Lieferungen, nicht den laufenden Betrieb, und die Schätzung für China ist unsicher – an der Größenordnung ändert das wenig.
Aufholen will die EU vor allem mit KI-Gigafabriken (AI Gigafactories). Seit dem 30. Juli 2026 läuft dazu eine Ausschreibung des European High Performance Computing Joint Undertaking (EuroHPC JU) für bis zu sieben solcher Anlagen. EU und Mitgliedstaaten wollen bis zu 10 Milliarden Euro beisteuern, private Investoren mindestens 20 Milliarden Euro. Ursprünglich sollten die Angebote bis zum 12. November vorliegen. Am 1. Oktober verlängerte EuroHPC die Frist laut einer Änderungsbekanntmachung auf der EU-Vergabeplattform TED auf Wunsch der Kommission um drei Wochen auf den 3. Dezember. Am 5. November folgte die nächste Änderung: Für Los 1 gilt nun der 4. Februar 2027, damit alle Mitgliedstaaten ihre Haushaltsverfahren abschließen und Finanzzusagen machen können; für Los 2 bleibt es beim 3. Dezember 2026, jeweils 17 Uhr Luxemburger Zeit. Zudem werden aus technischen Gründen alle bereits im System liegenden Entwürfe und Angebote nicht berücksichtigt – Bewerber müssen sie über neue Einreichungslinks erneut einreichen.
Was eine KI-Gigafabrik leisten soll
Gemeint sind Großrechenzentren, die den gesamten Lebenszyklus sehr großer KI-Modelle abdecken – vom Training bis zur Inferenz im großen Stil. Laut EuroHPC gehören dazu KI-optimierte Rechenkapazität, Speicher und Netzwerk, abgesicherte Cloud-Zugänge und spezialisierte Supportdienste. Als Richtgröße nannte die EU-Kommission bei der Vorstellung des Programms InvestAI im Februar 2025 rund 100.000 KI-Chips der neuesten Generation pro Gigafabrik, etwa viermal so viel wie in den damals entstehenden AI Factories. Das Bundesforschungsministerium (BMFTR) spricht von „über 100.000 KI-Prozessoren“ und mindestens der drei- bis vierfachen Leistung der derzeit schnellsten Supercomputer in Deutschland und Europa. Zum Vergleich: Die deutsche AI Factory HammerHAI in Stuttgart wird laut EuroHPC mit 860 Blackwell-GPUs von Nvidia ausgestattet.
Die Ausschreibung ist in zwei Lose geteilt. Los 1 für mittelgroße Gigafabriken umfasst bis zu vier Projekte mit je bis zu 100 Millionen Euro EU-Geld in der ersten Ausbauphase und bis zu weiteren 400 Millionen Euro in der zweiten. In Phase eins müssen sie mindestens so viele der modernsten KI-Prozessoren installieren wie Europas derzeit stärkste AI Factory, in Phase zwei mindestens dreimal so viele. Los 2 für große Anlagen umfasst bis zu drei Projekte mit je bis zu 200 plus 800 Millionen Euro EU-Förderung; in Phase zwei muss die Kapazität hier mindestens das Vierfache erreichen. Den geschätzten Gesamtwert gibt die TED-Bekanntmachung mit 10 Milliarden Euro an, davon 4 Milliarden für Los 1 und 6 Milliarden für Los 2. Das Geld fließt nicht als klassischer Zuschuss: EuroHPC und die beteiligten Staaten kaufen gemeinsam Rechenzeit bei den Betreibern ein und treten so als Ankerkunde auf. Der Großteil der öffentlichen Mittel soll aus dem nächsten mehrjährigen EU-Finanzrahmen ab 2028 kommen.
Eine feste Stromgrenze nennt die Ausschreibung nicht, sie verlangt aber eine ausreichende Stromversorgung sowie bewährte Verfahren bei Energie- und Wassereffizienz. Eine Vorstellung von der Größenordnung gibt das Rechenzentrum, das Schwarz Digits, die IT-Sparte der Schwarz-Gruppe, in Lübbenau in Brandenburg baut: Es ist für bis zu 100.000 GPUs ausgelegt und zunächst mit rund 200 Megawatt Anschlussleistung geplant. Das KI-Rechenzentrum der Telekom mit Nvidia in München ist laut dpa-AFX auf 10.000 GPUs ausgelegt. Welche Fragen solche Anlagen beim Wasserverbrauch aufwerfen, haben wir in einem eigenen Artikel beleuchtet.

Bild: Symbolbild – Rechenzentrum von Microsoft im niederländischen Middenmeer. Foto: Hay Kranen / Wikimedia Commons, CC BY 4.0
Hardware: offen ausgeschrieben, faktisch aus den USA
Die Konsortien dürfen ihre Hardware bei Herstellern aus Europa oder „gleichgesinnten“ Ländern kaufen, ein Teil der Beschaffung kann an europäische Start-ups gehen. Zugleich hat die Kommission nach dem Handelsabkommen zwischen EU und USA Absichtserklärungen mit AMD, Nvidia und Qualcomm unterzeichnet, die den Bewerbern Zugang zur nötigen Hardware sichern sollen. Das zeigt, wo die Abhängigkeit liegt: Nach Einschätzung der Denkfabrik CEPA stammen die auf dem Markt verfügbaren KI-Chips von den US-Herstellern Nvidia und AMD. CEPA warnt zudem, jede AI Factory könne mit einem eigenen Software-Stack kommen, was das Verschieben von Workloads zwischen Standorten erschwere. Selbst Europas bekanntestes KI-Labor Mistral hat sein jüngstes Großmodell Mistral Large 4 nach eigenen Angaben auf 3800 Nvidia-GPUs trainiert. Dass nicht nur die Chips, sondern auch ihre Fertigung zum Engpass werden kann, zeigt unser Hintergrund zum Advanced Packaging.
Bewerber: Deutschland ohne gemeinsames Konsortium
An der gemeinsamen Beschaffung beteiligen sich 18 Mitgliedstaaten, darunter Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien und Polen; Österreich steht nicht auf der Liste der Kommission. Das Interesse der Industrie ist groß: Schon bei einer unverbindlichen Interessenbekundung im Juni 2025 gingen 76 Vorschläge für 60 Standorte in 16 Mitgliedstaaten ein, zusammen planten die Interessenten mit mindestens drei Millionen GPUs der neuesten Generation.
Die Bundesregierung will nach Angaben von Forschungsministerin Dorothee Bär mindestens eine Gigafabrik nach Deutschland holen. Eine gemeinsame Bewerbung als „Deutschland AG“ kam allerdings nicht zustande, laut dpa auch, weil SAP und Siemens sich zurückhielten. Stattdessen treten nach dpa-Berichten die Deutsche Telekom, Schwarz Digits sowie Ionos zusammen mit dem Baukonzern Hochtief jeweils eigenständig an, dazu kleinere Anbieter wie Impossible Cloud und Blue Swan. Das Handelsblatt berichtete Ende Oktober, Hochtief bereite inzwischen eine eigene Bewerbung vor und verhandle unter anderem mit Vodafone; ob Ionos noch Partner ist, blieb offen. Eine offizielle Bewerberliste gibt es nicht. Bereits in Betrieb oder im Aufbau sind die kleineren Vorläufer: Deutschland ist mit der JUPITER AI Factory (JAIF) in Jülich rund um den Supercomputer JUPITER und mit HammerHAI am Höchstleistungsrechenzentrum Stuttgart vertreten. Europaweit zählt EuroHPC 19 AI Factories und 13 sogenannte Antennen.
Kritik: Nachfrage, Strompreise, Tempo
Ob sich die Gigafabriken rechnen, ist umstritten. Die Bertelsmann Stiftung und der Thinktank interface kritisierten im Oktober 2025, die Initiative konzentriere sich auf das Angebot und blende die Nachfrage aus. Das Ankerkunden-Modell halten die Autoren für unrealistisch, weil Europa derzeit nur ein führendes KI-Labor beherberge: Mistral. Sie empfehlen, sich an prognostizierten Workloads und verbindlichen Nutzerzusagen zu orientieren. CEPA verweist außerdem auf die Strompreise, die in Europa bis zum Dreifachen des US-Niveaus erreichten.
Auch das Tempo spricht nicht für einen schnellen Aufholprozess. Die offizielle Ausschreibung war ursprünglich für Ende 2025 geplant; sie startete erst Ende Juli 2026, nachdem der Rat im Januar die EuroHPC-Verordnung um die Gigafabriken erweitert hatte. Seitdem wurden die Fristen zweimal verschoben, und die Einreichung muss technisch neu aufgesetzt werden. Die Vergabe ist laut Kommission für Anfang 2027 geplant, spätestens 18 Monate nach Vertragsunterzeichnung sollen die Anlagen laufen – für Los 1 dürfte sich der Zeitplan durch die neue Frist nach hinten verschieben. Auch der Zuschnitt hat sich mehrfach geändert: Im Februar 2025 kündigte die Kommission einen Fonds über 20 Milliarden Euro für vier Gigafabriken an, im April war von bis zu fünf die Rede, ausgeschrieben sind nun bis zu sieben.
Flankierend will die Kommission mit ihrer Apply-AI-Strategie vom Oktober 2025 und rund einer Milliarde Euro den Einsatz von KI in Industrie und Verwaltung beschleunigen – also genau die Nachfrage stärken, die Kritiker vermissen. Ob das reicht, um Zehntausende Beschleuniger pro Standort auszulasten, wird sich erst zeigen, wenn die ersten Gigafabriken laufen.
Quellen
- EuroHPC JU: Call for tenders for the selection of Artificial Intelligence Gigafactory Consortia and the establishment of AI Gigafactories (aktualisiert am 05.11.2026)
- EuroHPC JU: The EuroHPC Joint Undertaking launches the AI Gigafactories Call (30.07.2026)
- Europäische Kommission: EU launches AI Gigafactories call to boost Europe's computing capacity (IP/26/1708) (30.07.2026)
- TED: Bekanntmachung 529135-2026, Call for Tenders AI Gigafactories (30.07.2026)
- TED: Änderungsbekanntmachung 674672-2026 (Fristverlängerung) (01.10.2026)
- EuroHPC JU: AI Gigafactories (abgerufen 07.11.2026)
- EuroHPC JU: AI Factories (abgerufen 07.11.2026)
- EuroHPC JU: AI Factories in Germany (HammerHAI, JAIF) (abgerufen 07.11.2026)
- Europäische Kommission: EU launches InvestAI initiative to mobilise €200 billion of investment in artificial intelligence (11.02.2025)
- Europäische Kommission: AI Continent Action Plan (09.04.2025)
- Europäische Kommission: Overwhelming response as 76 respondents express interest in the European AI Gigafactories initiative (30.06.2025)
- Europäische Kommission: Commission launches two strategies to speed up AI uptake (Apply AI Strategy) (08.10.2025)
- BMFTR: AI Gigafactories: Europas neue Kraftwerke für Künstliche Intelligenz (30.07.2026)
- Epoch AI: Introducing the AI Chip Imports explorer (27.10.2026)
- Elektronikpraxis/dpa: EU startet KI-Gigafactories: Deutschlands Bewerber im Rennen (06.08.2026)
- Lebensmittel Praxis/dpa: Schwarz Digits bewirbt sich um EU-Rechenzentrum für Künstliche Intelligenz (30.07.2026)
- Dr. Web: Hochtief plant laut Handelsblatt eine Bewerbung um eine KI-Gigafactory der EU (21.10.2026)
- Börse Online/dpa-AFX: Schwarz-Gruppe investiert elf Milliarden in Rechenzentrum im Spreewald (17.11.2025)
- CEPA: Europe's Troubled Bet on AI Factories (15.10.2025)
- Bertelsmann Stiftung: Europas KI-Gigafabriken – Szenarien und Empfehlungen für eine nachfragegetriebene Strategie (22.10.2025)
- Hugging Face: Modellkarte Mistral Large 4 (29.10.2026)
Bildnachweis
- Aufmacher: Supercomputer MareNostrum 5 im Barcelona Supercomputing Center (Symbolbild) von Steve Jurvetson, Lizenz CC BY 4.0, via Wikimedia Commons
- Inline: Microsoft Data Center Middenmeer, the Netherlands (Symbolbild) von Hay Kranen, Lizenz CC BY 4.0, via Wikimedia Commons