Der Anruf scheint vom eigenen Chef zu kommen, die Stimme klingt vertraut, es geht um ein vertrauliches Geschäft. Kurz darauf meldet sich ein Anwalt einer großen Kanzlei mit den Überweisungsdaten. Nach diesem Muster sollen drei Männer mit KI-gefälschten Stimmen Unternehmen in den USA und weltweit um mehr als 129 Millionen US-Dollar gebracht haben. Die Bundesstaatsanwaltschaft für den Southern District of New York (SDNY) und das FBI gaben am 5. November die Entsiegelung einer Anklageschrift bekannt. Der Vorwurf: Die Beschuldigten sollen die Stimmen und teils auch das Aussehen von Firmenchefs und Anwälten künstlich nachgeahmt und Angestellte so zu hohen Überweisungen verleitet haben. Es handelt sich um Vorwürfe der Anklage; für die drei Männer gilt die Unschuldsvermutung.

Bemerkenswert ist die Wortwahl der Behörde: Die Staatsanwaltschaft spricht in ihrer Mitteilung durchgängig von „Super Intelligence“ (SI), nicht von künstlicher Intelligenz. Gemeint ist Technik, mit der sich Stimmen und Bilder realer Menschen imitieren lassen. Die Nachrichtenagentur AP spricht in ihrem Bericht von KI.

Erst der falsche Chef, dann der falsche Anwalt

Laut Anklage gingen die Beschuldigten und weitere Mitverschwörer zwischen 2024 und 2026 meist nach demselben Schema vor. Gegenüber Angestellten der Opferfirmen gaben sie sich als deren Vorstandschef aus, baten um Hilfe bei einer vertraulichen Finanztransaktion und ahmten in Gesprächen die Stimme und/oder das Bild des CEO nach. Anschließend verwiesen sie die Angestellten an Anwälte großer internationaler Kanzleien, die angeblich ebenfalls an dem Geschäft arbeiteten – und imitierten auch diese. Am Ende wies ein falscher Anwalt den Mitarbeiter an, eine große Summe auf ein bestimmtes Konto zu überweisen. Das Konto kontrollierte in Wahrheit die Gruppe.

Nach dem Bericht von AP begann der Kontakt typischerweise mit einer E-Mail, die scheinbar vom CEO stammte; danach folgte ein Telefonat oder eine Videokonferenz. Ziel waren demnach häufig die Buchhaltungen. Unter Berufung auf die Anklageschrift schreibt AP, die Gruppe habe Tausende Firmen weltweit ins Visier genommen.

Einer der Beschuldigten, ein 41-Jähriger, soll vor allem britische Anwälte imitiert haben. Dafür nutzte er laut Staatsanwaltschaft ein handschriftliches Skript mit dem Titel „Lawyer Call“. Es enthielt unter anderem Formulierungen, die Angestellte davon abhalten sollten, mit Kolleginnen und Kollegen über die Gespräche zu reden.

129 Millionen Dollar, Konten in mindestens neun Ländern

Die Staatsanwaltschaft beziffert die Beute auf mehr als 129 Millionen Dollar – nach ihren Angaben tatsächlich erbeutetes Geld, keine bloßen Versuche. In der Einleitung der Pressemitteilung ist allerdings von „mehr als 100 Millionen Dollar“ die Rede. Als Beispiele nennt die Behörde rund 4,8 Millionen Dollar von einem Krankenhausverbund in Missouri, 2,7 Millionen Dollar von einer Bank in Rhode Island, knapp 3 Millionen Dollar von einem Krankenhausverbund in Kalifornien, 11,6 Millionen Dollar von einem britischen Fintech-Unternehmen, 4,6 Millionen Dollar von einer Fondsgesellschaft in Massachusetts und 5,2 Millionen Dollar von einem Tierfutterhersteller in Florida.

Das Geld floss laut Anklage auf Konten unter anderem in den USA, Spanien, Portugal, Griechenland, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Singapur, Österreich, der Slowakei und China. Danach sollen die Beschuldigten es in Kryptowährung umgetauscht haben, um Herkunft und Eigentümer zu verschleiern. Die beiden anderen Beschuldigten, 54 und 42 Jahre alt, sollen vor allem Geld gewaschen haben. Der 54-Jährige soll damit geprahlt haben, seit 1994 Geld zu waschen und allein in den vergangenen drei Jahren mehr als 400 Millionen Dollar gewaschen zu haben.

Festgenommen wurden die Männer zwischen Juni und September 2026: zwei am 17. Juni und am 5. August in Spanien, einer am 7. September in Großbritannien. Die USA haben ihre Auslieferung beantragt. Die Anklage umfasst sieben Punkte: Verschwörung zum Überweisungsbetrug (Wire Fraud), Überweisungsbetrug, Verschwörung zur Geldwäsche und zweimal Geldwäsche mit jeweils bis zu 20 Jahren Haft sowie zweimal schweren Identitätsdiebstahl (Aggravated Identity Theft) mit einer Höchststrafe von jeweils zwei Jahren. US-Bundesstaatsanwalt Jamie McDonald sagte laut Mitteilung sinngemäß, die Technik biete enormes Potenzial, doch manche wollten sie für kriminelle Ziele nutzen. Er rief Privatleute und Unternehmen dazu auf, sich mit dem Schutz vor dieser neuen Form der Kriminalität zu befassen.

Einordnung: CEO-Fraud bekommt eine Stimme

Neu ist die Masche im Kern nicht. Beim CEO-Fraud, in den USA meist unter Business E-Mail Compromise (BEC) geführt, geben sich Betrüger als Chefs oder Geschäftspartner aus, um Überweisungen auszulösen. Im Jahr 2025 gingen beim Internet Crime Complaint Center (IC3) des FBI laut dessen Jahresbericht 24.768 BEC-Beschwerden mit gemeldeten Verlusten von rund 3,05 Milliarden Dollar ein – nach Anlagebetrug der zweitgrößte Posten. Verluste durch BEC-Betrug mit KI-Bezug bezifferte das IC3 auf mehr als 30 Millionen Dollar und nennt dabei ausdrücklich Stimmklone, mit denen Überweisungen angefordert werden. Die Statistik erfasst allerdings nur Fälle, die dem FBI gemeldet werden.

Dass gefälschte Chefs auch in Videokonferenzen überzeugen können, zeigte 2024 der Fall des britischen Ingenieurkonzerns Arup: Ein Mitarbeiter in Hongkong überwies nach einem KI-generierten Videoanruf 200 Millionen Hongkong-Dollar, umgerechnet rund 20 Millionen Pfund, an Betrüger. Arup bestätigte im Mai 2024, Opfer des Betrugs geworden zu sein.

Schaubild: Echte und künstlich erzeugte Sprachaufnahmen durchlaufen einen Merkmalsextraktor und ein trainiertes Erkennungsmodell, ein Klassifikator entscheidet zwischen echt und gefälscht

Schema eines Erkennungsverfahrens für Audio-Deepfakes. Grafik: Antonelse, Lizenz CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Verfahren, die gefälschte Stimmen automatisch erkennen sollen, gibt es zwar. Im Telefonat mit dem vermeintlichen Chef verlassen sich Angestellte aber auf ihr Gehör – und genau darauf zielt die Masche. Wirksamer Schutz entsteht deshalb vor allem durch feste Abläufe, die auch eine perfekte Fälschung nicht aushebeln kann.

Was Unternehmen jetzt tun sollten

  • Rückruf über eine bekannte Nummer. Zahlungsanweisungen per Telefon, Video oder Mail nie über die Kontaktdaten aus derselben Nachricht bestätigen, sondern über eine Nummer aus dem eigenen Verzeichnis. Das gilt auch für angebliche Anwälte: die Kanzlei über die Zentrale auf ihrer offiziellen Website anrufen.
  • Vier-Augen-Prinzip ohne Ausnahmen. Überweisungen ab einem festen Betrag und an neue Empfängerkonten nur mit Freigabe einer zweiten, unabhängigen Person – gerade auch bei angeblich vertraulichen Projekten.
  • Geheimhaltung als Warnsignal behandeln. Das in der Anklage beschriebene Skript sollte Angestellte davon abhalten, mit Kollegen zu sprechen. Lege schriftlich fest, dass niemand für eine Zahlung zur Verschwiegenheit gegenüber Vorgesetzten oder der Finanzabteilung verpflichtet werden darf.
  • Codewörter vereinbaren. Für echte Eilfälle helfen vorab vereinbarte Kennwörter oder Rückfragen, deren Antworten nicht öffentlich zu finden sind.
  • Gezielt schulen. Buchhaltung, Assistenz und Treasury mit realistischen Beispielen trainieren, auch mit gefälschten Stimmen und Videoanrufen. Wer weiß, wie überzeugend Fälschungen klingen, fragt eher nach.
  • Im Ernstfall sofort handeln. Ist Geld geflossen, umgehend die eigene Bank kontaktieren, um die Überweisung zurückzurufen, und Anzeige bei der Polizei erstatten. Das FBI bittet mögliche Opfer dieses Falls, sich über tips.fbi.gov zu melden.

Quellen

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