Geht in der Hohen Tatra ein Notruf ein, vergeht oft viel Zeit, bevor jemand die Lage mit eigenen Augen sieht: Ein Team zusammenzustellen und zu Fuß zum Ausgangspunkt zu gelangen, kann laut DJI bis zu zwei Stunden dauern. Die polnische Tatra-Bergrettung TOPR (Tatrzańskie Ochotnicze Pogotowie Ratunkowe) hat deshalb ein halbes Jahr lang Drohnen erprobt, die aus fest installierten Dockingstationen starten. Im Einsatz waren drei DJI Dock 3 und ein DJI Dock 4. Ihre Bilanz veröffentlichte die TOPR am 19. Oktober 2026, der Hersteller DJI stellte das Projekt am 3. November 2026 in einer Pressemitteilung vor.
Das Fazit der Retter fällt positiv aus: Ein Pilot in der TOPR-Zentrale in Zakopane kann eine Drohne etwa an der Schutzhütte am Morskie Oko starten und nach rund sechs Minuten die Lage am Rysy beobachten, dem mit 2499 Metern höchsten Gipfel Polens.
Vier Stationen an Hütten und in der Zentrale
Die Docks standen an der Schutzhütte am Morskie Oko, an der Hütte im Tal der Fünf Polnischen Seen (Dolina Pięciu Stawów Polskich) und an der TOPR-Zentrale in Zakopane. Die Standorte wählte die Bergrettung nach den technischen Möglichkeiten und nach der Unfallstatistik aus. Vorgeschlagen und durchgeführt hat den Test das polnische Unternehmen INNPRO, mit dem die TOPR bei Drohnen schon länger zusammenarbeitet. Geflogen sind die Modelle DJI Matrice 4TD und Matrice 5TD – nach den Regeln für die Nutzung des Luftraums und mit einer Genehmigung des Tatra-Nationalparks (TPN).
Drohnenpiloten aus den Reihen der Retter hielten während des Tests ständig Bereitschaft. Laut TOPR halfen die Drohnen, Unglücksorte genau zu lokalisieren, und lieferten etwa einen Defibrillator (AED) an den Ort einer laufenden Wiederbelebung. Neben AEDs können die ferngesteuerten Fluggeräte kleine Ausrüstung wie Stirnlampen oder Rettungsdecken transportieren; an Bord sind außerdem Scheinwerfer, Wärmebildkameras und Lautsprecher. Der Zeitgewinn entsteht vor allem dadurch, dass die Piloten nicht mehr selbst in die Nähe des Einsatzorts gelangen müssen, bevor eine Drohne abhebt. Als Beispiele für die Sechs-Minuten-Marke nennt die TOPR neben dem Rysy den Pass Szpiglasowa Przełęcz.
Was „automatisiert“ in diesem Fall heißt
Automatisiert ist bei diesem Aufbau vor allem die Logistik. Ein Dock ist eine wetterfeste Station, in der die Drohne geschützt wartet, geladen wird und auf Befehl startet und wieder landet. Den Flug selbst verantwortet weiterhin ein Mensch: ein TOPR-Pilot, der in der Zentrale sitzt statt im Gelände. Das Dock 4, das DJI am 14. Oktober 2026 offiziell vorgestellt hat, wechselt den Akku der Drohne nach Herstellerangaben automatisch in weniger als 25 Sekunden und hält bis zu drei Akkus vor. Das Dock 3 lädt die Drohne dagegen auf; von 15 auf 95 Prozent dauert das laut DJI 27 Minuten.
Wie lange davon das erst im Oktober vorgestellte Dock 4 tatsächlich lief, geht aus den Mitteilungen nicht eindeutig hervor: Die TOPR spricht von sechs Monaten ununterbrochenem Betrieb des Gesamtsystems und nennt das Dock 4 ein erst kürzlich vorgestelltes Modell, DJI dagegen von einem kürzlich gestarteten Pilotprogramm mit dem Dock 4.
Eine Hürde im Hochgebirge ist die Funkverbindung, denn Grate schirmen das Signal ab. Die TOPR nutzt deshalb laut DJI Bodenstationen der Videoübertragung DJI O4 als Relais auf Aussichtstürmen und entfernten Gipfeln. Über den Lautsprecher können die Retter Wanderer ansprechen und fragen, ob sie Hilfe brauchen; die Antwort kommt per Handzeichen. Marcin Józefowicz, Retter und Leiter der TOPR-Abteilung Cybertech, weist in der DJI-Mitteilung darauf hin, dass manche Orte im Winter weder mit dem Auto noch mit dem Fahrrad oder dem Schneemobil erreichbar sind. Getestet werden laut DJI außerdem automatische Flugauslöser sowie regelmäßige Erkundungsflüge zu Gefahrenstellen und zur Überwachung von Wegen.

Bild: Symbolbild – Drohnen-Dockingstation auf einem Flachdach (laut Dateiname ein „Dock 2“), nicht das System der TOPR. Foto: Chiam Naiditch / Wikimedia Commons, CC BY 4.0
Wind, Kälte, Schnee: Was über die Grenzen bekannt ist
Die Technik habe bei Tag und Nacht, bei Niederschlag und Sonnenschein und selbst bei Windböen bis 20 Meter pro Sekunde zuverlässig gearbeitet, schreibt die TOPR. Wie viele Flüge und Einsätze es im Testzeitraum gab und ob Störungen auftraten, nennt die Bergrettung nicht; auch die genauen Daten der sechs Monate gibt sie nicht an. Schnee, Vereisung oder Erfahrungen aus einem kompletten Tatra-Winter kommen in der Bilanz nicht vor.
Zur Einordnung helfen die Datenblätter, die allerdings Herstellerangaben sind. DJI gibt für das Dock 3 einen Betriebsbereich von −30 bis 50 °C und die Schutzart IP56 an, für die Drohne Matrice 4TD −20 bis 50 °C. Dock 4 und Matrice 5TD sollen von −40 bis 50 °C arbeiten. Als maximale Windgeschwindigkeit nennt DJI für die Drohnen und für die Landung am Dock jeweils 12 m/s. Wie das zu den von der TOPR genannten Böen passt – ob die Drohnen bei solchem Wind tatsächlich flogen oder die Stationen ihn nur unbeschadet überstanden –, geht aus der Bilanz nicht hervor. Die Matrice 5TD hat laut DJI Enteisungspropeller und Akkus, die sich zum Laden bei Kälte selbst aufheizen; die angegebenen 59 Minuten Flugzeit und 10 Kilometer Einsatzradius gelten für Laborbedingungen ohne Wind und ohne Nutzlast.
Für Wanderer hat die TOPR einen klaren Hinweis: Wer in der Tatra eine eigene Drohne fliegen lässt, verstößt gegen das Luftrecht, weil das Gebiet zum Nationalpark gehört, und gefährdet die Besatzung des Rettungshubschraubers sowie Menschen am Boden.
Mehr Stationen geplant
Die TOPR setzt seit Mitte 2021 Drohnen ein. Im ersten Jahr unterstützten sie acht Rettungseinsätze, 2026 waren es bis Ende September bereits 61. Schon im Januar 2026 hatte die Bergrettung neue Drohnen mit Wärmebildkameras, Laser-Entfernungsmessern und einer KI-gestützten Erkennung menschlicher Silhouetten vorgestellt, finanziert vom Versicherer PZU, wie Radio Kraków berichtete. Laut dem Sender half die TOPR 2024 insgesamt 1330 Menschen, 2025 waren es 1200.
Nach dem Test sieht die Bergrettung neuen Bedarf: Möglicherweise schon 2027 könnten weitere Docks dazukommen. Im Gespräch sind der Bereich der Station des polnischen Wetterdienstes IMGW auf dem Kasprowy Wierch sowie weitere Hütten in den Tälern Dolina Kościeliska und Dolina Chochołowska.
Drohnen in der Bergrettung im Alpenraum
Auch im Alpenraum gehören Drohnen zur Ausrüstung der Bergretter, bislang allerdings in anderer Form. Die Bergwacht Bayern erhielt im September 2025 eine Flächenflugzeug-Drohne namens „Trinity“ für die Lageerkundung, die das Team der Bergwacht Rhön-Spessart betreibt; finanziert hat sie das Bundesforschungsministerium (BMFTR), wie das DLR mitteilte. Beim Waldbrand am Saurüsselkopf bei Ruhpolding setzte die Bergwacht laut VerkehrsRundschau erstmals eine Lastendrohne im Realbetrieb ein, die bis zu 40 Kilogramm pro Flug trägt und insgesamt rund 1,9 Tonnen Material bewegte – geflogen nach dem Vier-Augen-Prinzip mit Pilot und Spotter.
In Österreich hat der Bergrettungsdienst laut seinem Geschäftsführer Martin Gurdet 2019 Drohnen in die Einsätze integriert; das Zitat stammt aus einer DJI-Pressemitteilung vom Mai 2025, die unter anderem die Matrice 4T mit Wärmebildkamera nennt. Das Land Tirol baut einen digitalen Drohnenatlas auf, der einsetzbare Drohnen von Organisationen wie Feuerwehren und Bergrettung samt Standort, Personal und Technik zeigen soll. Ab 2026 plant das Land auch automatisierte Erhebungsflüge von stationären Standorten aus – allerdings für sein Landes-Warn- und Lagezentrum, nicht für die Bergrettung. Ein Netz fest installierter Docks an Hütten, wie es die TOPR erprobt hat, beschreiben die hier ausgewerteten Quellen für Bergrettungen im deutschsprachigen Alpenraum nicht.
Für Rettungsteams in den USA ist das Dock 4 keine Option: Seit dem 22. Dezember 2025 stehen im Ausland gefertigte Drohnen auf der „Covered List“ der US-Regulierungsbehörde FCC, und das Dock 4 hat laut DroneXL keine FCC-Zulassung.
Quellen
- TOPR: Testy DJI DOCK3 i DOCK4 w TOPR (19. Oktober 2026)
- DJI Enterprise via PR Newswire: Automated Drone Technology Further Transforms Polish Mountain Rescue Operations (3. November 2026)
- Portal Tatrzański: Nowe stacje dokujące dronów w służbie TOPR – jak przebiegły testy? (21. Oktober 2026)
- DroneXL: DJI Docks Put Tatra Rescuers Over Poland’s Highest Peak in 6 Minutes (4. November 2026)
- DJI: DJI Dock 4: erste Drohnen-Dockingstation mit automatischem Akkuwechsel in 25 Sekunden (14. Oktober 2026)
- DJI Enterprise: DJI Dock 4 – technische Daten (abgerufen am 8. November 2026)
- DJI Enterprise: DJI Dock 3 – technische Daten (abgerufen am 8. November 2026)
- Radio Kraków: Specjalistyczny pojazd podwodny oraz AI wspomogą działania TOPR (31. Januar 2026)
- DLR: Neue Drohne zur Lageerkundung für die Bergwacht Bayern (30. September 2025)
- VerkehrsRundschau: Lastendrohnen: Wie die Bergwacht Bayern ihre Einsatzlogistik verändert (26. Juni 2026)
- DJI via PR Newswire: DJI-Drohnentechnologie verändert die Möglichkeiten der österreichischen Bergrettung (19. Mai 2025)
- Land Tirol: Sicherheit von oben: Drohnen im Krisen- und Katastrophenmanagement (14. Februar 2026)
- FCC: Public Safety and Homeland Security Bureau Announces Addition of Uncrewed Aircraft Systems (UAS) and UAS Critical Components Produced Abroad … to FCC Covered List (DA 25-1086) (22. Dezember 2025)
Bildnachweis
- Aufmacher: Morskie Oko, Rysy von DamianDe, Lizenz CC BY 3.0, via Wikimedia Commons (Ausschnitt)
- Inline: Drone dock station (Magen Chocago Shomrim Dock 2) von Chiam Naiditch, Lizenz CC BY 4.0, via Wikimedia Commons