Am 5. November 2026 hat die NATO einen Katalog für Drohnenabwehrsysteme eröffnet, aus dem Mitgliedstaaten vorab ausgewählte Systeme ohne eigenes Vergabeverfahren beziehen können. Die NATO-Agentur NCIA hat dafür 16 Lösungen von fünf Unternehmen ausgewählt. Am selben Tag meldete das französische Start-up Alta Ares, es habe sechs dieser 16 Lose gewonnen – nach eigenen Angaben der bislang größte Auftrag des 2024 gegründeten Unternehmens. Alta Ares entwickelt KI-gestützte Abwehrsysteme gegen Drohnen, ausdrücklich auch gegen Langstrecken-Angriffsdrohnen vom Typ Shahed.
Was die NATO ausgewählt hat
Der Marktplatz für Counter-UAS-Systeme (C-UAS) gehört zur Initiative „Drone Edge“, die die NATO im Juli 2026 beim Industrieforum des Gipfels in Ankara vorgestellt hat. Zuständig ist die NATO Communications and Information Agency (NCIA), die auch das Counter-UAS Centre of Expertise der Allianz betreibt. Sie hat Rahmenverträge mit mehreren Anbietern geschlossen. Ausgewählt wurden laut NATO Lösungen von Alta Ares, Axon Enterprise, Northrop Grumman, OSL UK und Quantum Systems. Die Systeme sind nach NATO-Angaben bereits in Mitgliedstaaten und in der Ukraine im Einsatz und decken stationäre, verlegbare und fahrzeuggestützte Einsatzarten ab.
Die Rahmenverträge laufen eineinhalb Jahre. Danach will die NATO regelmäßig neue Wettbewerbe ausschreiben, damit die Mitgliedstaaten Zugriff auf die jeweils neueste Technik haben. Für weitere Tests der ausgewählten Systeme durch einzelne Staaten oder NATO-Kommandos stellt die Allianz 3,1 Millionen Euro bereit. Der Katalog ergänzt die Zusage der Verbündeten, im Rahmen von Drone Edge in den kommenden fünf Jahren mehr als 40 Milliarden US-Dollar in Drohnenabwehr zu investieren – eine Summe für die gesamte Allianz, nicht für einzelne Anbieter.
Ein Rahmenvertrag ist für sich genommen noch keine Bestellung. Stückzahlen oder Auftragswerte haben weder die NATO noch Alta Ares genannt.
Sechs Lose für Flächen- und Grenzschutz
Wie sich die 16 Lose auf die fünf Firmen verteilen, geht aus der NATO-Mitteilung nicht hervor. Nach Darstellung von Alta Ares hatten sich rund 100 Unternehmen beworben; die NCIA habe die Angebote nach technischer Leistungsfähigkeit und Kosten bewertet. Die sechs Lose des Start-ups betreffen den Schutz von Flächen und von Grenzabschnitten. Für den Flächenschutz sei Alta Ares als einziger Anbieter in allen drei Mobilitätsstufen ausgewählt worden: stationär, verlegbar und in Fahrt.
Staaten können die Systeme laut Unternehmen kaufen oder leasen. Gegenüber der Nachrichtenagentur Interfax-Ukraine sagte Jamie O'Connor-Delbert, bei Alta Ares für EU, NATO und Osteuropa zuständig, es gebe keine Begrenzung der Stückzahl, die abgerufen werden könne. Alta Ares will die Fertigung gemeinsam mit Industriepartnern ausbauen und bei großen Aufträgen im jeweiligen Kundenland produzieren. Laut Reuters peilt das Unternehmen bis 2027 mehr als 1000 Abfangsysteme pro Monat an – ein Ziel, keine nachgewiesene Serienfertigung.

Bild: Flugrechner einer abgeschossenen Geran-2, der in Russland gebauten Variante der Shahed-136 – acht Steckkarten, die über CAN-Bus kommunizieren. Foto: Ennolenze / Wikimedia Commons, CC BY 4.0
Was Alta Ares technisch anbietet
Alta Ares beschreibt sein Angebot als integriertes Luftverteidigungssystem aus Software, Sensorik, Führungs- und Steuerungstechnik (Command and Control) und Abfangdrohnen. Es soll Bedrohungen erkennen, identifizieren, verfolgen und ausschalten. Ein Drohnenabwehrsystem müsse durchgängig funktionieren, von der Erkennung einer Bedrohung bis zum Abfangen, sagte Mitgründer und Chef Hadrien Canter laut der Unternehmensmitteilung. Die KI-Software beruht nach Angaben der Firma auf Gefechtsdaten aus der Ukraine und aus Einsätzen am Golf. Überprüfen lässt sich das von außen nicht.
Auf seiner Website nennt das Unternehmen drei Softwarebausteine:
- Gamma ISTAR wertet Videobilder in Echtzeit aus und soll Ziele in den Daten von Aufklärungsplattformen, Kameras und Optronik erkennen und klassifizieren.
- Cyclops ist als „Autonomy OS“ für die autonome Lenkung in der Mittelphase eines Flugs beschrieben, mit Funktionen für Sensorik, Planung und Lenkung. Das Unternehmen gibt an, die Software sei mit den Schnittstellen SAPIENT und ASTERIX kompatibel.
- Pixel Lock übernimmt laut Hersteller die KI-gestützte Endphasenlenkung: Ziel erkennen, verfolgen, abfangen. Als Voraussetzungen nennt Alta Ares das Kommunikationsprotokoll MAVLink, die Autopilot-Software ArduPlane und eine Kamera mit 30 Bildern pro Sekunde.
Die genannten Schnittstellen sind für die Integration wichtig. SAPIENT ist ein vom britischen Verteidigungsministerium entwickelter offener Standard, um Sensoren und Wirkmittel zu vernetzen; er legt fest, welche Informationen ausgetauscht werden, nicht aber, wie die Komponenten intern arbeiten. Die NATO will SAPIENT als Grundlage einer Standardempfehlung für Drohnenabwehr übernehmen. ASTERIX ist das Datenformat der europäischen Flugsicherungsorganisation Eurocontrol für den Austausch von Überwachungsdaten. ArduPlane ist die Starrflügler-Firmware des Open-Source-Projekts ArduPilot.
Als Hardware führt Alta Ares zwei Abfangdrohnen: X-Lock für sehr kurze Reichweiten, nach Herstellerangaben gegen Bedrohungen vom Typ Shahed-136 ausgelegt, und Black Bird mit Turbojet-Antrieb, die laut Unternehmen auch schnellere Ziele wie Marschflugkörper abfangen soll. Leistungsdaten veröffentlicht das Unternehmen zwar, sie sind aber nicht unabhängig geprüft.
Finanziell hat sich das Start-up im Juni 2026 mit einer Series-A-Runde über 50 Millionen Euro ausgestattet, angeführt von Air Street Capital. Das Geld soll laut Reuters in den Ausbau der Produktion in Frankreich und der Ukraine fließen. Dazu kommen nach Firmenangaben Partnerschaften mit Airbus Defence and Space, mit MBDA im Rahmen einer Innovationspartnerschaft der französischen Rüstungsbehörde DGA sowie mit Quantum Systems – einem der anderen vier Unternehmen im neuen NATO-Katalog.
Warum günstige Abwehr gegen billige Drohnen gefragt ist
Hinter dem Interesse an Abfangdrohnen steht ein Kostenproblem. Das Center for Strategic and International Studies (CSIS) hat in einer Analyse vom Februar 2025 für eine Shahed-Drohne rund 35.000 US-Dollar angesetzt; die Schätzungen, auf die sich die Autoren stützen, reichen von etwa 20.000 bis etwa 80.000 Dollar. Ein Abfangflugkörper vom Typ PAC-3 für das Patriot-System kostet laut CSIS mehr als drei Millionen Dollar, eine AIM-9X-Rakete für das System NASAMS etwas mehr als eine Million. Wird eine solche Rakete gegen eine Einwegdrohne verschossen, entsteht nach der Rechnung der Analysten ein Wertverlust von mehr als 600.000 Dollar pro Abfangflugkörper.
Die CSIS-Autoren weisen selbst auf die Grenzen ihrer Zahlen hin: Verlässliche Stückpreise sind kaum öffentlich, und unter den abgefangenen „Shaheds“ dürften auch billigere Nachbauten und Attrappen sein. Das Grundproblem bleibt: Wer günstige Drohnen in großer Zahl mit teuren Raketen bekämpft, zahlt pro Abschuss ein Vielfaches dessen, was der Angreifer einsetzt. Abfangdrohnen, wie sie Alta Ares und andere anbieten, sollen diese Rechnung verschieben. Ob die Systeme halten, was die Hersteller versprechen, sollen nun auch die von der NATO finanzierten Tests zeigen.
Quellen
- NATO: NATO accelerates procurement for counter-drone technologies (5. November 2026)
- Alta Ares: Alta Ares wins six lots in NATO counter-drone framework contract (5. November 2026)
- Reuters (via SRN News): French counter-drone startup Alta Ares wins third of NATO framework contract (5. November 2026)
- Interfax-Ukraine: Franco-Ukrainian Alta Ares wins 6 of 16 NATO counter-drone system lots (6. November 2026)
- Alta Ares: Produktübersicht (abgerufen am 8. November 2026)
- Alta Ares: Finanzierungsrunde über 50 Millionen Euro (9. Juni 2026)
- GOV.UK / Dstl: SAPIENT autonomous sensor system (aktualisiert am 14. Oktober 2026)
- Eurocontrol: All-purpose structured EUROCONTROL surveillance information exchange (ASTERIX)
- ArduPilot: Plane documentation
- CSIS: Calculating the Cost-Effectiveness of Russia's Drone Strikes (19. Februar 2025)
Bildnachweis
- Aufmacher: Counter-drone defense system launches during Digital Shield event in Estonia von U.S. Army 100MPAD / Pfc. Gabriel Martinez, gemeinfrei (Public Domain), via Wikimedia Commons
- Im Text: Geran-2 (Russian Shahed 136) Flight Computer von Ennolenze, Lizenz CC BY 4.0, via Wikimedia Commons