Auf der Marinemesse Euronaval in Villepinte bei Paris haben der Rüstungskonzern KNDS und das französische Unternehmen SeaOwl am 3. November 2026 eine Zusammenarbeit an einer unbemannten Überwasserdrohne bekannt gegeben. Das Boot soll einen von KNDS entwickelten Gefechtskopf tragen und Marinen beim Schutz von Häfen und Schiffen helfen. Die Nachrichtenagentur Reuters spricht von einer „suicide drone“, also einer Einwegdrohne, die sich beim Einsatz selbst zerstört. Gemeint ist ausdrücklich kein Fluggerät, sondern ein unbemanntes Überwasserfahrzeug (Unmanned Surface Vehicle, USV). Laut der Mitteilung der Partner handelt es sich um eine Vereinbarung zur Entwicklung und Erprobung – ein fertiges Serienprodukt ist das System noch nicht.

Wer was beisteuert

Laut der gemeinsamen Mitteilung, die KNDS über den Dienst EQS verbreitet hat, haben KNDS und die SeaOwl-Tochter SeaOwl Technology Solutions eine strategische Kooperationsvereinbarung geschlossen. Ziel ist ein USV für offensive und defensive Einsätze auf See. KNDS bringt seine Erfahrung bei Konstruktion, Sicherheit und Qualifizierung von Präzisionsmunition ein und will sein Ballistik-Know-how auf robotische Plattformen auf See übertragen. SeaOwl steuert maritime Robotik, autonome Navigation und Fernsteuerung bei. Reuters fasst die Arbeitsteilung knapp zusammen: KNDS fertigt die 30 Kilogramm schwere Sprengladung, SeaOwl baut das Fahrzeug. Einen Produktnamen nennt die Mitteilung nicht.

KNDS ist aus dem Zusammenschluss des französischen Herstellers Nexter mit dem deutschen Unternehmen Krauss-Maffei Wegmann entstanden und beschäftigt nach eigenen Angaben rund 11.000 Menschen. Reuters bezeichnet SeaOwl als Start-up. Die Unternehmensbeschreibung in der Mitteilung zeichnet ein anderes Bild: Demnach ist SeaOwl ein mittelständisches französisches Unternehmen mit 120 Millionen Euro Jahresumsatz und 2000 Beschäftigten, das in den Bereichen Energie und Verteidigung arbeitet, eine eigene Schiffsflotte betreibt und Simulationsdienste für die Ausbildung der französischen Marine anbietet. Die Tochter SeaOwl Technology Solutions entwickelt Drohnen für den Seebereich, Überwachungstechnik und Simulationssysteme.

Ganz neu ist das Thema für SeaOwl nicht. Auf der Euronaval 2024 hatte das Unternehmen laut Naval News die USV-Familien SEAORCA und SEAHORNET mit sieben bis 15 Metern Länge gezeigt, gedacht für Aufklärung, den Schutz von Häfen oder wertvollen Einheiten und Seenotrettung. Dazu kam ein Ausbildungsdienst namens TRACUS: Zielboote auf Basis alter Jetski-Rümpfe, die Angriffe von Kamikaze-Drohnen und Schwärmen aus fünf bis 20 Einweg-USVs simulieren. Die französische Marine hat ihn nach dem Bericht für die Übung WILDFIRE genutzt.

Technische Eckdaten – bislang nur Herstellerangaben

Die Mitteilung nennt eine Höchstgeschwindigkeit von 35 Knoten (rund 65 km/h), eine Nutzlast von 30 Kilogramm und eine Einsatzreichweite von bis zu 200 Kilometern. Radar- und optische Signatur sollen reduziert sein, damit das Boot schwerer zu entdecken ist. Die Hersteller versprechen außerdem eine durchgängig gegen Cyberangriffe gesicherte Architektur und eine stark geschützte Feuerkette („firing chain“).

Navigieren soll das System autonom, auch in umkämpften Gebieten. Die menschliche Kontrolle bleibe dabei jederzeit gewahrt, heißt es: Die endgültige Entscheidung über Einsatz und Auslösung liege ausschließlich beim Bediener an der Fernsteuerung. Nach Angaben gegenüber Reuters lassen sich die Boote im Schwarm einsetzen und aus bis zu sieben Metern Höhe zu Wasser bringen; mit einem eigenen Startgerät seien sie binnen Sekunden einsatzbereit, es gehe aber auch ohne.

Vieles bleibt offen. Welche Sensoren das Boot trägt, über welche Funk- oder Satellitenverbindung es gesteuert wird, wie die autonome Navigation technisch umgesetzt ist und was unter der Schwarmfähigkeit genau zu verstehen ist, geht aus den veröffentlichten Unterlagen nicht hervor. Unabhängig geprüft ist keine der Angaben.

Graue ukrainische Seedrohne Sea Baby auf einem Gestell vor einem Museumseingang, auf dem Deck eine Waffenstation und ein Sensormast

Bild: Die ukrainische Seedrohne Sea Baby, ausgestellt vor dem Museum am Mutter-Heimat-Denkmal in Kiew (Juli 2026). Foto: Zenwort / Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (Ausschnitt)

Abwehr von Seedrohnen mit Seedrohnen

Mathieu Glade, Managing Director von SeaOwl Technology, begründete das Konzept gegenüber Reuters mit der Abwehr: Die wirksamste Antwort auf eine anfliegende Überwasserdrohne sei eine andere Überwasserdrohne, die sich sehr schnell bewegen könne, um sie abzufangen. Sein System hält er für anspruchsvoller als die von der Ukraine eingesetzten Seedrohnen; als Wettbewerber nannte er den türkischen Rüstungskonzern Aselsan. Gespräche mit möglichen Kunden laufen laut Reuters in mehreren europäischen Ländern und im Nahen Osten. Bestellungen sind nicht bekannt.

Den Hintergrund liefert Reuters gleich mit: Seit Beginn der russischen Invasion der Ukraine werden Drohnen zunehmend gegen Hafenanlagen und Handelsschiffe eingesetzt, darunter Öltanker und Containerschiffe im Nahen Osten und im Schwarzen Meer.

Was das Schwarze Meer gezeigt hat

Wie stark unbemannte Boote das Kräfteverhältnis auf See verschieben können, hat der Krieg im Schwarzen Meer gezeigt. Der Marineanalyst H. I. Sutton schrieb im August 2024 für den britischen Thinktank RUSI, die russische Marine habe fast alle größeren Einheiten nach Noworossijsk verlegt und ihre Patrouillen stark eingeschränkt – nicht nur wegen versenkter Schiffe, sondern schon wegen der Bedrohung durch Angriffe. Nach seiner Einschätzung war das erst durch Fortschritte in der unbemannten Technik möglich. Unbemannte Boote könnten so günstig sein, dass sie nicht zurückkehren müssen, und brauchen keinen Platz für eine Besatzung. Bei den ukrainischen Booten kommen laut Sutton auf einen Treffer etwa zehn Verluste – ein Verhältnis, das sich ohne Besatzung in Kauf nehmen lasse.

Im April 2026 bilanzierte Sutton bei Naval News, die russische Schwarzmeerflotte sei auf dem Papier zwar überlegen, habe die Kontrolle über das Meer aber an ukrainische Überwasserdrohnen verloren. Selbst Noworossijsk gelte inzwischen als gefährdet. Die Asymmetrie fasste er so zusammen: Die Verteidiger müssen jede Bedrohung abwehren, den Angreifern mit ihren verbrauchbaren Plattformen genügt ein einziger Treffer.

Auf diese Lage zielen Konzepte wie das von KNDS und SeaOwl – nach Herstellerdarstellung offensiv wie defensiv. Wie weit das Boot von der Ankündigung bis zur Einsatzreife kommt, werden erst die vereinbarten Tests zeigen. Einen Zeitplan dafür haben die Partner nicht genannt.

Quellen

Bildnachweis