Gut zwei Jahre nach dem Start ist die europäische Planetenschutz-Mission Hera ihrem Ziel so nah wie nie zuvor. Am 5. November 2026 hat die ESA die erste Nahaufnahme des Doppelasteroiden-Systems Didymos veröffentlicht. Die Asteroid Framing Camera der Sonde nahm das Bild aus rund 60 Kilometern Entfernung auf. Im Mittelpunkt steht Didymos, der 780 Meter große Hauptkörper – und zwar von der Seite, die NASAs Sonde DART vor ihrem Einschlag nicht im Blick hatte. Der 151 Meter kleine Mond Dimorphos, auf den DART im Jahr 2022 gezielt stürzte, liegt auf der Aufnahme größtenteils im Schatten.

Was die Hera-Nahaufnahme von Didymos zeigt

Nach Angaben der ESA zeigt das Bild die andere Seite von Didymos – nicht jene, die DART kurz vor dem Einschlag auf Dimorphos am 26. September 2022 fotografiert hatte. „Das Erste, was wir sagten, war: Wow!“, beschreibt der wissenschaftliche Leiter der Mission, Patrick Michel (CNRS / Observatoire de la Côte d'Azur), die Reaktion des Teams (Zitat übersetzt). Es fühle sich an, als blicke man auf eine ganz neue Welt.

Laut Michel trägt auch diese Seite von Didymos den zentralen Grat entlang des Äquators, der schon von den DART-Bildern bekannt ist. Ansonsten sehe sie aber deutlich anders aus: mit zahlreichen Felsblöcken und Kratern sowie Mustern, die wie Rillen oder Grate wirken. OHB, das die Sonde gebaut hat, spricht in seiner Mitteilung vom 6. November 2026 von einer „bislang unbekannten Seite von Didymos“.

Woher diese Strukturen stammen, ist offen. ESA-Missionswissenschaftler Michael Kueppers hält es für möglich, dass einige davon auf Material zurückgehen, das der DART-Einschlag aus Dimorphos herausgeschleudert hat und das die rund einen Kilometer bis Didymos zurückgelegt hat. Das zu klären, sei Aufgabe der kommenden Monate; beide Körper sollen systematisch kartiert und alle Veränderungen erfasst werden.

Die Kamera ist auf Zuverlässigkeit ausgelegt: Die Asteroid Framing Camera besteht aus zwei redundanten, monochromen Kameras des deutschen Herstellers Jenoptik mit jeweils 1020 × 1020 Pixeln. Sie dient laut ESA sowohl der Navigation als auch der Wissenschaft.

Am Ziel oder noch im Anflug?

Ganz angekommen ist Hera noch nicht. Die ESA schreibt, die Sonde stehe nach ihrem zweijährigen Flug kurz davor, den Einschlagort aus nächster Nähe zu untersuchen; als Rendezvous nennt die Agentur den November 2026. OHB spricht davon, dass sich Hera nach mehreren Bahnkorrekturen und Bremsmanövern auf ihrem endgültigen Anflugkurs befinde. Zum Zeitpunkt der ESA-Meldung war Hera 196,8 Millionen Kilometer von der Erde entfernt.

Der Anflug verlief in Etappen. Das erste Bild der Annäherungssequenz entstand am 5. Oktober 2026 aus 270.280 Kilometern Entfernung; Didymos war darauf nur ein heller Punkt. In der zweiten Oktoberhälfte bremste Hera von mehr als 12 Kilometern pro Sekunde relativ zur Erde auf nahezu null relativ zu den Asteroiden ab. Am 18. Oktober löste die Kamera aus 1280 Kilometern Entfernung erstmals beide Körper getrennt auf, Dimorphos bestand dabei aus kaum mehr als einem Pixel. Das letzte Bild der veröffentlichten Sequenz stammt vom 27. Oktober aus 360 Kilometern. Wann genau die 60-Kilometer-Aufnahme entstand, teilt die ESA nicht mit.

Dass Hera schon im November eintrifft, ist ein Zeitgewinn: Ursprünglich war die Ankunft einen Monat später geplant. Die zuverlässige Antriebsanlage erlaubte laut ESA einen aggressiveren Manöverplan, bei dem die Sonde später und stärker bremst. Unterwegs hatte Hera im März 2025 bei einem Swing-by am Mars Kurs und Geschwindigkeit geändert.

Didymos (unten rechts) und sein Mond Dimorphos (Bildmitte) auf dem letzten DART-Bild, das beide Asteroiden vollständig zeigt, aufgenommen am 26. September 2022 aus 920 Kilometern Entfernung

Bild: Diese Seite von Didymos (unten rechts) und Dimorphos (Mitte) sah DART am 26. September 2022 rund zweieinhalb Minuten vor dem Einschlag aus 920 Kilometern Entfernung. Hera zeigt nun die andere Seite. Foto: NASA/Johns Hopkins APL, gemeinfrei, via Wikimedia Commons

Rückblick: Was DART 2022 an Dimorphos verändert hat

Dimorphos ist das erste Objekt im Sonnensystem, dessen Bahn Menschen messbar verändert haben. Am 26. September 2022 prallte die rund 580 Kilogramm schwere NASA-Sonde DART mit etwa 6,1 Kilometern pro Sekunde auf den kleinen Mond. Am 11. Oktober 2022 meldete die NASA, die Umlaufzeit von Dimorphos um Didymos habe sich dadurch um 32 Minuten verkürzt – von 11 Stunden und 55 Minuten auf 11 Stunden und 23 Minuten, mit einer Unsicherheit von etwa plus/minus zwei Minuten. Als Mindestwert für einen Erfolg hatte die NASA 73 Sekunden angesetzt.

Spätere Auswertungen präzisierten das Ergebnis: Eine NASA-Studie vom März 2024 nennt eine um 33 Minuten und 15 Sekunden kürzere Umlaufzeit, die ESA gibt 33 Minuten plus/minus eine Minute an. Die Änderung fiel damit deutlich größer aus als vorab berechnet. Der Einschlag schleuderte außerdem eine Trümmerwolke über rund 10.000 Kilometer ins All und veränderte laut NASA auch die Form von Dimorphos.

Genau hier setzt Hera an. Offen ist unter anderem, wie viel Masse Dimorphos hat, wie er innen aufgebaut ist und warum die Ablenkung so viel stärker ausfiel als in den Simulationen. Ob DART einen Krater hinterlassen oder den Körper insgesamt umgeformt hat, soll die Sonde aus der Nähe klären. Erst mit diesen Daten lässt sich das Prinzip des „kinetischen Impaktors“ – ein Asteroid wird durch einen gezielten Aufprall abgelenkt – von einem einmaligen Experiment zu einer verlässlichen Technik der Asteroidenabwehr weiterentwickeln.

Was Hera und die Cubesats Milani und Juventas vorhaben

Laut ESA manövriert Hera im Doppelsystem nicht auf einer klassischen Umlaufbahn, sondern in einer Folge sogenannter hyperbolischer Bögen um den gemeinsamen Schwerpunkt, wie sie zuvor die Kometensonde Rosetta nutzte. In einem Wochenrhythmus kommt sie dabei bis auf 20 bis 30 Kilometer an die Oberfläche von Dimorphos heran. Die Schwerkraft ist extrem gering: Bei Didymos ist sie nach ESA-Schätzung etwa 40.000-mal schwächer als auf der Erde, bei Dimorphos rund 200.000-mal.

Neben der Kamera trägt Hera unter anderem das Wärmebild-Instrument TIRI der japanischen Raumfahrtagentur JAXA, das über Temperaturverläufe Rückschlüsse auf Rauigkeit, Korngröße und Porosität der Oberfläche erlaubt, den Spektralsensor HyperScout H mit 25 Kanälen im sichtbaren und nahen Infrarot sowie einen Laser-Entfernungsmesser. Zusammen mit den Nutzlasten der beiden mitgeführten Cubesats sind es zwölf Instrumente.

Die beiden Kleinsatelliten sind die ersten ESA-Cubesats, die jenseits der Erdumlaufbahn arbeiten. Milani soll die mineralische Zusammensetzung von Dimorphos untersuchen und sich der Oberfläche bis auf etwa zwei Kilometer nähern. Juventas soll mit einem Radar erstmals ins Innere eines Asteroiden blicken. Beide sollen ihre Mission mit einer Landung auf Dimorphos beenden. OHB hat das Aussetzen der Cubesats nach eigenen Angaben bereits auf einem originalgetreuen Avionik-Prüfstand in Bremen geprobt; gesteuert werden die Kleinsatelliten aus dem ESA-Zentrum im belgischen Redu.

Die eigentliche Untersuchung ist für 2026 und 2027 angesetzt. Zum Abschluss erwägt die ESA, Hera auf Didymos aufsetzen zu lassen; weil die Antenne danach nicht mehr zur Erde zeigen könnte, wäre das zugleich das Ende der Mission. Der nächste feste Termin steht schon: Am 25. November 2026 will die ESA detaillierte Bilder beider Asteroiden veröffentlichen.

Hera wurde in Bremen gebaut

Entwickelt hat Hera die Bremer OHB System AG im Auftrag der ESA. Nach Angaben des Unternehmens wurde die Sonde unter seiner Leitung in nur vier Jahren entwickelt, gebaut, getestet und gestartet; beteiligt waren rund 100 Unternehmen und Forschungseinrichtungen aus 18 ESA-Mitgliedstaaten. Gestartet ist die Sonde am 7. Oktober 2024 von der Cape Canaveral Space Force Station in Florida. „Nach Jahren der Entwicklung, Tests und Missionsvorbereitung liefert Hera nun genau die Daten, für die wir die Sonde gebaut haben“, sagte Marco Fuchs, Vorstandsvorsitzender der OHB SE. Die Erfahrungen fließen laut OHB bereits in die ESA-Folgemission RAMSES ein, die das Unternehmen ebenfalls mit Industriepartnern entwickelt.

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