Die NASA will am Südpol des Mondes nicht nur landen, sondern bleiben – und schickt als Vorhut einen Rover, der ursprünglich für Tests auf der Erde gebaut wurde. Am 7. November stellte die US-Raumfahrtbehörde auf der Luftfahrtmesse MAX POWER am Kennedy Space Center in Florida ein ganzes Paket an Aufträgen für ihre geplante Mondbasis („Moon Base“) vor. Kernstück ist der Rover PROMISE: sechs Räder, Energie aus einem Plutonium-Generator, Start Ende 2028, Ziel Mondsüdpol, wo er bis zu einen Meter tief nach Wassereis bohren soll. Dazu kommen ein Rahmenvertrag für Mondlandungen mit einem Höchstwert von 10 Milliarden US-Dollar, Transportaufträge über rund 1,3 Milliarden Dollar und eine Starship-Mission für Kommunikationssatelliten.
„Wir bauen die Mondbasis Mission für Mission“, sagte NASA-Chef Jared Isaacman (Übersetzung der Redaktion). Wenn Astronauten zum Mond zurückkehren, sollen nach seinen Worten die ersten Elemente der Basis bereits auf sie warten.
PROMISE: Curiosity-Testzwilling wird zum Mondrover
PROMISE steht für „Polar Rover for Observation, Mapping, and In-Situ Exploration“. Gebaut wird er vom Jet Propulsion Laboratory (JPL) der NASA, das auch die Mission leitet. Ganz neu ist das Fahrzeug nicht: Laut NASA bauen die Ingenieure Elektronik, Struktur und Fahrwerk des „Vehicle System Test Bed“ um – jenes Duplikats von Curiosity, an dem das JPL den Mars-Rover am Boden erprobt hat. Dazu kommen Ersatzteile und Testhardware von Curiosity und Perseverance. Laut NASA vertragen die Bauteile die Bedingungen am Südpol, bewährte Technik spare zudem Kosten und Zeit. Der etwa SUV-große Rover soll Ende 2028 starten, die Primärmission ist auf 18 Monate angelegt.
Isaacman hatte die Idee schon am 30. Juni ins Spiel gebracht, damals noch unverbindlich. Jetzt gibt es einen Auftrag: Blue Origin erhält einen Basisauftrag über 94 Millionen Dollar, um PROMISE als Teil der ersten Ausbauphase der Basis mit dem Lander Blue Moon Mark 1 an den Südpol zu bringen. Eine leistungsabhängige Option ist weitere 140 Millionen Dollar wert. Formal erweitert das eine Bestellung vom Mai 2026, mit der Blue Origin bereits zwei Mondfahrzeuge (Lunar Terrain Vehicles) liefern soll.
Radioisotopengenerator und Bohrer: die Technik für Mondnacht und Eis
Für Strom sorgt ein Multi-Mission Radioisotope Thermoelectric Generator (MMRTG), laut NASA ein Ersatzgerät aus der Flugfertigung. Ein Kernreaktor ist das nicht: Ein MMRTG spaltet keine Atomkerne, sondern wandelt die Wärme aus dem natürlichen Zerfall von Plutonium-238 mit Thermoelementen direkt in Strom um. Der Generator gleichen Typs in Perseverance enthält 4,8 Kilogramm Plutoniumdioxid und liefert zu Missionsbeginn rund 110 Watt, jedes Jahr einige Prozent weniger; ausgelegt ist er auf mindestens 14 Jahre. Seine Abwärme hält Instrumente und Mechanik auf Betriebstemperatur, zwei Lithium-Ionen-Akkus fangen dort Lastspitzen ab.
Genau das ist am Mond der entscheidende Vorteil. Eine Mondnacht dauert rund 14 Erdtage, in dauerhaft beschattete Krater fällt nie Sonnenlicht, die Temperaturen sinken dort unter minus 200 Grad Celsius. Der solarbetriebene Rover VIPER, den Blue Origin ebenfalls mit einem Mark-1-Lander zum Mons Mouton bringen soll, ist auf ein Wissenschaftsfenster von 100 Tagen ausgelegt. PROMISE soll dagegen auch nachts und in den Schattenzonen arbeiten.
Wichtigstes Instrument ist TRIDENT, ein Drehschlagbohrer von Honeybee Robotics, einer Tochter von Blue Origin. Er fördert Regolith aus bis zu einem Meter Tiefe in Schritten von zehn Zentimetern an die Oberfläche und misst dabei Festigkeit, Verdichtung und Temperatur des Bodens. Das Massenspektrometer MSOLO analysiert die freiwerdenden flüchtigen Stoffe, das Infrarotspektrometer NIRVSS sucht nach Eis, das Neutronenspektrometer NSS nach Wasserstoff. Diese vier Instrumente fliegen auch auf VIPER, beide Rover sollen so vergleichbare Daten aus zwei Gegenden des Südpols liefern. Hinzu kommen unter anderem ein Radiometer, das Kältefallen kartiert, ein Strahlungsdetektor und Kameras mit eigenen Scheinwerfern. Der strahlungstolerante Bordrechner HPSC soll zusammen mit Lidar und Navigationssoftware autonomes Fahren im Dunkeln erproben.
Warum das Eis am Südpol so wichtig ist
Weil die Sonne am Südpol flach über dem Horizont steht, liegen manche Kraterböden dauerhaft im Schatten. Dort ist es kalt genug, dass sich Wassereis und andere gefrorene Stoffe halten können. NASA-Missionen haben Hinweise darauf gefunden, die Verteilung ist laut der Behörde aber komplex: Nicht jeder Schattenkrater enthält dasselbe.

Bild: Visualisierung des Mondsüdpols, die Farben kodieren die Höhe. Beschriftet sind unter anderem der Krater Shackleton und der Mons Mouton, das Ziel von VIPER. NASA's Scientific Visualization Studio, gemeinfrei, via Wikimedia Commons
Für eine dauerhafte Basis wäre das Eis ein Rohstoff, Fachleute sprechen von In-situ-Ressourcennutzung (ISRU): Aufbereitet könnte es als Trinkwasser dienen, sich in Atemsauerstoff umwandeln oder als Treibstoff nutzen lassen. Was vor Ort gewonnen wird, muss nicht von der Erde heraufgebracht werden. Vorher muss aber klar sein, wo das Eis liegt, in welcher Konzentration und in welchem Boden. Genau diese Daten soll PROMISE liefern, auch für die Wahl künftiger Landeplätze.
CLPS 2: 10 Milliarden Dollar Obergrenze, Starship-Funk und ein Solarturm
Damit Fracht überhaupt ankommt, baut die NASA ihr Netz kommerzieller Mondlander aus. Für CLPS 2, die nächste Stufe des Programms Commercial Lunar Payload Services, hat sie acht Unternehmen ausgewählt: Blue Origin, Firefly Aerospace, Intuitive Machines, iSpace US, Lockheed Martin Space, Northrop Grumman Space Systems, SpaceX und Voyager Technologies. Die 10 Milliarden Dollar sind keine Auftragssumme, sondern die gemeinsame Obergrenze eines auf zehn Jahre angelegten Rahmenvertrags mit unbestimmter Liefermenge (IDIQ). Geld fließt erst mit konkreten Einzelaufträgen, um die sich die Firmen bewerben. Den laufenden Vertrag CLPS 1.0 stockte die NASA zugleich von 2,6 auf 4,2 Milliarden Dollar auf.
Über den Startdienst-Rahmenvertrag VADR gingen außerdem sechs Einzelaufträge über zusammen rund 1,3 Milliarden Dollar an Arrow Science and Technology, Blue Origin und Impulse Space. Die Missionen sollen Kommunikation und Navigation auf dem Weg zum Mond prüfen, etwa mit der Sonde CAPSTONE 02, die Erkundungsdrohnen MoonFall zum Südpol bringen und Raumschlepper zwischen Erde und Mond erproben.
SpaceX soll 2028 mit einem Starship Kommunikationssatelliten in den cislunaren Raum bringen. Die „Cislunar Communications Deployment Demonstration“ läuft als Einzelauftrag unter einem bestehenden Logistikvertrag und soll Erkenntnisse für künftige Funknetze liefern, die Astronauten, Kontrollzentrum und Mondbasis verbinden. Wer die Satelliten baut, wie viele es sind und was der Auftrag kostet, nennt die NASA nicht. Für die Infrastruktur am Boden kauft sie zudem Komponenten für den „Mini-Communications and Solar Tower“ (miniCAST), der Strom und Kommunikation kombiniert – Energiespeicher von Honeybee Robotics, Stromerzeugung von Redwire, drahtlose Energieübertragung von Yank Technologies.
Einordnung: Artemis-Zeitplan, New Glenn und offene Fragen
Die Ankündigungen fallen in eine Phase, in der der Artemis-Zeitplan neu sortiert ist. Artemis II brachte vom 1. bis 10. April 2026 vier Astronauten um den Mond und zurück. Artemis III ist inzwischen keine Landung mehr, sondern ein für 2027 geplanter, 14-tägiger Testflug im Erdorbit, bei dem Orion an Testversionen der Landefähren von Blue Origin und SpaceX andocken soll. Die erste Landung ist mit Artemis IV für 2028 vorgesehen.
Ob der Zeitplan für PROMISE hält, ist offen. Der Mark-1-Lander ist noch nicht geflogen. Die Rakete New Glenn, die ihn starten soll, explodierte am 28. Mai 2026 bei einem Triebwerkstest auf der Startrampe in Cape Canaveral; Anfang November wurde berichtet, dass Blue Origin die Rückkehr in den Flugbetrieb auf Januar 2027 verschoben hat. Kritik gibt es auch am Rover selbst: Casey Dreier von der Planetary Society schätzte Ende Juli die Kosten auf 700 Millionen bis 1,3 Milliarden Dollar und hielt einen Start 2028 für nicht glaubwürdig – schon die Sicherheitsprüfungen für den Plutonium-Generator sprächen eher für die frühen 2030er-Jahre. Zudem verbrauche PROMISE ein MMRTG, das für eine künftige Wissenschaftsmission reserviert sei. Eine Gesamtsumme für den Rover nennt die NASA nicht. An der sicheren Landung im zerklüfteten Gelände arbeitet sie parallel, etwa mit dem Navigationssystem SPLICE, das sie an einer Drohne testet.
Quellen
- NASA: NASA Awards Moon Base Transportation, Technology, Science Projects (7. November 2026)
- NASA: PROMISE – Missionsseite (7. November 2026)
- NASA: NASA Shares Plans to Accelerate Artemis, Return to Moon (4. November 2026)
- NASA: The Lunar South Pole Region (aktualisiert 3. November 2026)
- NASA: Lunar Surface Technology (aktualisiert 5. November 2026)
- NASA Science: Power – Radioisotope Thermoelectric Generators
- NASA/JPL: Mars 2020 Perseverance Launch Press Kit – Power (2020)
- NASA: NASA Provides Update on Moon Base Rovers, Landers, Missions (26. Mai 2026)
- NASA: NASA Selects Blue Origin to Deliver VIPER Rover to Moon’s South Pole (19. September 2025)
- NASA Science: VIPER – Missionsseite
- American Nuclear Society: NASA prepares to solicit moon surface power, teases RTG-powered moon rover (1. Juli 2026)
- NASA: NASA’s Lunar Flashlight Ready to Search for the Moon’s Water Ice (28. Oktober 2022)
- NASA: NASA Welcomes Record-Setting Artemis II Moonfarers Back to Earth (10. April 2026)
- SpacePolicyOnline: NASA Awards More CLPS Contracts, May Send Mars Rover Engineering Model to the Moon (30. Juni 2026)
- The Planetary Society: The Cost of a PROMISE (30. Juli 2026)
- Spaceflight Now: Blue Origin’s New Glenn rocket explodes during prelaunch testing at Cape Canaveral (29. Mai 2026)
- The Next Web: Blue Origin delays New Glenn’s return to flight until January (5. November 2026)
Bildnachweis
- Aufmacher: Curiosity's Vehicle System Test Bed (VSTB) Rover (PIA15876) von NASA/JPL-Caltech/Dan Goods and David Delgado, Lizenz: gemeinfrei (Public domain), via Wikimedia Commons
- Inline-Bild: Lunar South Pole Terrain in Coded Color (SVS5127) von NASA's Scientific Visualization Studio (USRA/Ernie Wright u. a.), Lizenz: gemeinfrei (Public domain), via Wikimedia Commons